"zerbricht das Eis und tönende Geschichten"

Helmut Oehring komponiert keine Musik, er fügt Zeichen zu Klangdramen zusammen. "Sehen ist für mich wichtiger als Hören. Sehen ist mit Sprache verbunden, mit Kommunikation, mit Information. Ich denke und träume in Zeichen." Ein Zeichen ist nichts an sich - zu einem Zeichen wird das, wovon man unsachgemäßen Gebrauch macht, wie wenn man mit der flachen Hand auf ein Cello schlägt oder einem einfachen Bassetthorn eine Sirene entlockt. Ein Zeichen ist ein seiner natürlichen Bedeutung beraubtes Objekt, "heimatlos" (um einen Ausdruck des großen Alexius von Meinong aufzugreifen). Ein wenig wie diese unbestimmmten Phoneme, die aus dem Mund der Tauben entweichen, ohne dass sie selbst sie hören, und deren Richtigkeit sie nicht kontrollieren, geschweige denn beurteilen können. Eine Zeichensprache aus Zeichen ohne jeglichen"natürlichen" Sinn, für die Oehring in seiner Musik mit urdeutscher Gründlichkeit - die (komplexe) Syntax und den (disparaten) Wortschatz (gesungen, gesprochen oder gestottert, elektronisch oder akustisch, harmonisch oder dissonant, pulsierend oder eruptiv) entwickelt. Instrumente zu mißhandeln ist die Lieblingsbeschäftigung der Komponisten, besonders der Deutschen (siehe S. 13), aber das hat niemals auch nur einen einzigen Takt Musik hervorgebracht. Wenn Helmut Oehring sie zweckentfremdet (von dem, wozu sie hergestellt wurden), dann nur dazu, um in ihnen eine Leere, eine Losheit zu eröffnen, kurz gesagt, eine Verschiedenheit, welche sie einzigartig macht. Deshalb werden sie die klingenden Personen eines Dramas ohne Sinn (der Sinn ist die Domäne jener Gattungen, von welchen Oehring sich abgrenzt, das Theater und die Oper). Die perspektivische Tiefe seiner Personen (ihre Dichte hört man) rührt daher, daß sie Klänge (Geräusche) hervorbringen, die nicht zu ihnen passen, oder die vielmehr wie von anderswoher aus ihnen entweichen zu scheinen: sie erleben sich anders als sie sind und entfernen sich so schnell wie möglich, schizophren, wie jene tauben Sänger-Sprecher, mit welchen er seine Vokalstücke bevölkert. Ihre Stimmen spalten sich in zwei Teile, die nichts voneinander wissen: der eine Teil visuell, die Bewegung der Lippen (welche manchmal die der Hände begleitet) desjenigen, der nur das bloße Bild eines Lautäußerung nach-ahmt, und der andere Teil klingend, der hervorgebrachte Laut, welchen er nicht hören kann. Das wahre Drama dieser Dokumentaropern (Dokumentaroper, Dokumentation I, Wrong, Polaroids, etc.) ist, dass hier alles von Anfang an gespalten ist, Personen verstümmelt und Klänge geborsten, und dass die Musik der ganzen Welt nicht ausreichte, um die getrennten Hälften wieder zusammenzufügen.

Auf dem Programm des bigraphischen Konzerts (mit vierhändigen Stücken, verfasst zu-sammen mit Iris ter Schiphorst), welches das Festival d'Automne [Herbstfestival] ihm gewidmet hat, steht dieses seltsame Werk: eine Neubearbeitung des Ballet blanc (betitelt Présence) von Bernd Alois Zimmermann, oder eher sein Doppelgänger ("PRÉSENCE und ihr Double" kündigt man schon am Anfang an), ein Ballet blanc II (betitelt Prae-senz) welches die Handlung (fünf Szenen eines imaginären Balletts) und die Personen (Don Quichote, Molly Bloom und Ubu Roi, verkörpert jeweils durch Violine, Cello und Klavier) seiner Vorlage wiederaufnimmt, in welchem man schon eingefügt Passagen aus Don Quichotte von Strauss und aus der Siebten Sonate von Prokofjew hörte. Das grausame Double ("Ein théâtre de la cruauté" [Theater der Grausamkeit] hat es eine Stimme genannt) des Paares Oehring / Schiphorst bringt das zum Bersten - zerreißt das, was das Original nur unter großen Mühen zusammenzuhalten vermochte, diese "zerbrechliche Eisschicht, auf welcher der Fuß nur bleiben kann, bis sie zerbricht" (so Zimmermann). Und zwar derart: 1. Szene, Einleitung und keine Handlung (Don Quichotte), das Sample der ersten Takte aus dem zweiten Satz der Siebten Sonate oder eine imperfekte Kadenz (rechte Hand) über einem schwankenden Baß eines Tanzes im Zweivierteltakt (linke Hand), rhythmische Zelle, deren Ungleichgewicht (Beschleunigung, welche die musikalische Person, die sich hier in großen Zügen abzeichnet - Don Qui-chote? - scheinbar nur schwer ertragen kann und die ihn in etwas mitreißt, das sich als Sturz - von einem Pferd? - interpretieren ließe) man über die gesamte Szene hinweg wiederfindet, welche gefühllos eine elektronische Eruption unterbricht, aus der sich bald eine Frauenstimme herausschält, die das Tagesprogramm ankündigt: verzwickt. Was sich anschließt, ist eine Aufeinanderfolge von Momentaufnahmen (nicht zufällig ist Polaroids der Titel eines ihrer Stücke, mit dem Untertitel "Mélodrame"), von Wiederholungen (Zellen, die man zwei- oder dreimal wiederholen muss), von variierenden Landschaften (wie diese Schleife von chopinesker Lieblichkeit unter dem hysterischen Kreischen der Saiten), ohne dass sich jemals die hinkende Schaukelbewegung von Prokofjews Sonate verliert.

Seine Musik gebraucht Musik (Musiken) wie als Anlaß für Geschichten und versucht zu zeigen, was sie hören läßt, indem sie sie (die Musiken) wie undurchsichtige Zeichen "Blut, Tränen, Gewalt, Haß, Tod, Liebe") einer zeitgenössischen Ton-Bild-Tragödie gebraucht.

Bastien Gallet

Ich verabscheue jedes Zeichen.
Ich werfe es aus, ich scheide es aus (ich gebe ihm seine Kothaftigkeit zurück).
Ich erschaffe nur Maschinen augenblicklich von Nutzen.
Augenblicklicherweise nützlich oder nützlicherweise augenblicklich.
Ich werde niemals mehr kacken.
Ich werde mir einen neuen Körper machen: der nichts auswirft.

(Antonin Artaud)