Beate Bahnert
Foxfire
Musik aus dem Niemandsland - der Komponist Helmut Oehring
Mit äußerster Disziplin atmet der Solist gleichmäßig fließende Töne in sein Bass-Saxophon. Plötzlich stockt der Atem, die Töne geraten aus dem Gleichgewicht. Dann wieder die warmen Töne, gleichzeitig setzt der Künstler seine Kopfstimme ein. Kein Ton, sondern vielfältigste Geräusche mittels Atemtechnik, röchelnd und scheppernd, beklemmend wieder eine Spur von Regelmäßigkeit, schließlich akrobatische Tonfolgen, der Solist schnappt nach Tönen, nach Luft, ringt mit seinem Instrument, verrennt sich, nichts scheint mehr zu stimmen, dennoch äußerste, zwanghafte Präzision. Irgendwann Stille. Lange kein Beifall in der Beklommenheit, doch dann die Anerkennung für den Solisten und den anwesenden Komponisten. Beschreiben lässt sich das Konzert vom Sommer 1999 nicht mit Worten. In Erinnerung daran bleibt vor allem die abgrundtiefe, unermeßliche Einsamkeit eines Menschen durch das markerschütternd intensive Spiel des Solisten Theo Nabicht.
Was künstlerisch so faszinierend nachvollzogen wurde, ist der unausweichlich nahende gewaltsame Tod. Mit Teil zwei des Zyklus "Foxfire" des Berliner Komponisten Helmut Oehring (1993) wird die zweite Stufe einer Hinrichtung mittels Injektion beschrieben.
"Gott segne Sie." Geht raus. geht nach hinten. So läuft das. Und dann sagen sie: "Grünes Licht." Und das bedeutet, daß die Maschine angewärmt wird oder so. Und dann, nach einer Minute, sagen sie: "Foxfire eins!" Sie drücken auf den Knopf. Man sieht den Patienten - ich sehe den Patienten nicht, weil ich hinter einem Wandschirm stehe und das EKG anschaue. Die erste Lösung, Natriumpentothal, gelangt in die Person. Er ist wach und dann schläft er ein. Nach einer Minute sagt der Vollzugskoordinator: "Foxfire zwei!" Aber eigentlich ist das nicht notwendig, in Wirklichkeit macht das die Maschine... Das Pavulon, oder Pancurominbromid, wird eingegeben, und es hält die Atemmuskeln an. Lähmt die Lungen und verlangsamt das Atemzentrum. Man sieht den Patienten die agonale oder Endatmung ausführen... nach einer Minute "Foxfire drei!", und das Kaliumchlorid wird beigegeben. Es ist dreimal die tödliche Dosis. Dann verändert sich auch das EKG, von normalen Sinusrhythmen zu idioventrikularen oder flachen Herzrhythmen, und dann eine gerade Linie. Und dann ist das Herz auf null. Meine Aufgabe als medizinischer Berater ist es dann, "Nummer acht!" zu sagen ... und also sagt der Vollzugskoordinator: "Schachmatt!" (Dr. Cayabyab, Gefängnisarzt)
Die Todesspritze wurde am 6. Januar 1989 zum erstenmal in Missouri eingesetzt, bei der Hinrichtung von George "Tiny" Mercer. Mit ihr werden heute in fünf US-Bundesstaaten Hinrichtungen vollstreckt. Sie gilt als die "humane", moderne Ablösung des elektrischen Stuhls. Ihre Popularität verdankt sie nicht dem Unstand, dass sie besser funktioniert als andere Hinrichtungsmethoden, sondern dem Anschein eines medizinischen Verfahrens mit dem Anspruch größter Wissenschaftlichkeit: Zum Einsatz kommen Spritzen, Medikamente, eine Krankenliege, Medizintechniker, Ärzte; es ist Vorschrift, den Verurteilten vor der Hinrichung zu "sedieren". Sein Körper wird nicht sichtbar verletzt, er schläft theoretisch "einfach ein". (Zitt Cayabyab und Informationan nach: Stephen Trombley: Die Hinrichtungsmaschine. Die Todesstrafe in den USA - ein Gruppenbild mit Mördern. Reinbek: Rowohlt, 1993.) Die beschriebenen Verfahren erinnern nicht nur makaber und eindeutig an die Methoden der Nazis, sondern es lassen sich direkte reale Verbindungen von dem Erfinder der Injektionsmaschine, Fred Leuchter, zu faschistischen Kreisen nachweisen. Den Komponisten Helmut Oehring beschäftigt das Thema nachhaltig; sein Kompositionszyklus "Kurz im Müll gestochert" (1993) zeigt Charakterbilder ahuman-normaler Zeitgenossen wie Fred Leuchter in einer Gesellschaft, in der sich Angst und Einsamkeit als Lebensgefühle ausbreiten.
Vielleicht kann nur ein Mensch mit einem Hintergrund wie Helmut Oehring das derart Unbeschreibliche in Töne setzen, so den Grenzsituationen des menschlichen Lebens eine "Stimmung" geben. Was der Komponist mit diesem Zyklus, mit "Foxfire" sowie mit weiteren Kompositionen zur Thematik Todesstrafe ("Cayabyab") vermittelt, beweist soziales Engagement, ist aber vor allem Ausdruck eines ungewöhnlichen Kommunikationstraumas. Oehring wurde 1961 als hörender Sohn gehörloser Eltern in Ost-Berlin geboren. Damit ist er kein Einzelfall, doch die Umwelt erfasst nicht, was das bedeutet. Die Muttersprache des Kindes ist die Gebärdensprache, von der Oehring sagt, dass sie weitaus poetischer und vielschichtiger ist als die Lautsprache: "Wenn ein Taubstummer in Gebärdensprache zu einem Kind sagt: Der Mond geht unter! - das bekommt man gesprochen nie so hin, so schön sieht das aus, so gleichzeitig sind die einzelnen Elemente, die zu diesen Gebärden gehören" - während Laut-Sprache immer an zeitliches Hintereinander gebunden ist. Zwischen beiden Sprachen ist keine Übersetzung wie von einer Fremdsprache zur anderen möglich, der Unterschied beider Welten ist existentiell, Missverständnisse zwangsläufig vorprogrammiert. Gebärdensprache wird über das Auge erworben, der erste Sprechapparat besteht aus Gestik und Mimik, Denken wie auch Träumen vollzieht sich in Gebärden ... Wer als Hörender versucht, sich in diese Problematik hineinzuversetzen, ahnt vielleicht auch von der Schwierigkeit für Taubstumme, Schreiben und Lesen zu lernen, denn Gebärdensprache kennt keine Schrift. Jeder Hörende könnte durch das Erlernen der Gebärdensprache diese als eigenständige poetische Sprache begreifen, wenn er das wollte, und würde sie dadurch nicht mehr, wie allgemein verbreitet, als "Notkonstruktion" sehen.
Das Kind Helmut Oehring wurde erst mit reichlich vier Jahren erstmalig mit gesprochener Sprache konfrontiert; das löste einen Schock aus. "Alles muß haarklein in eine tobende Ordnung gebracht werden... ich bin krank, ganz heiser vom vielen Sprechen, verstümmelt durch eine Unzahl von Zeichen, gespalten und zerteilt." Das Kind versuchte fortan, zwischen den Kommunikationswelten zu vermitteln, doch damit war es überfordert. Es lebte seitdem in Einsamkeit in einem "Niemandsland". Der Kommunikationsknick setzte sich in Kindergarten und Schule fort. Wie konnte die Biographie eines solchen sensiblen Jungen damals in der DDR aussehen? Lehre als Baufacharbeiter, Einberufung zur NVA, Wehrdienstverweigerung - "Leben auf Kommando war so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich wollte" - und zwangsläufig Arbeit als Friedhofsgärtner, Forstarbeiter, Nachtwächter und Küster. Als Rock- und Jazzgitarrist mit Begeisterung für Jimi Hendrix, Miles Davis, Chet Baker und Queen war Oehring Autodidakt, interessierte sich frühzeitig für neue Musik (Friedrich Schenker), schrieb - immer noch Autodidakt - mit 25 Jahren die Bühnenmusik zur Uraufführung von Feuchtwangers "Jüdin von Toledo" in Dresden. Erst danach, von 1987 an, kam die musikalische Ausbildung bei André Asriel, Helmut Zapf, Georg Katzer und Friedrich Goldmann, es folgten zahlreiche internationale Preise und Stipendien für inzwischen beachtliche Kompositionen.
Mit dem Aufschreiben von Noten hatte Helmut Oehring eine Form entdeckt, zwischen den beiden unvereinbaren Sprach-Welten zu vermitteln. Musik wurde ihm zum Mittel, gegen die Vergeblichkeit von Kommunikation anzugehen. Für den Komponisten Helmut Oehring ist das Sehen immer substantieller als das Hören gewesen, er dokumentiert Bilder, in denen Farben, Licht und Raum (von Gebärden ausgefüllt) gegenwärtig sind. Filmemacher, Fotograf oder Maler hätte er auch werden können. So sagt er jedenfalls. Wie sollen seine Kompositionen mit Laut und Schrift charakterisiert werden? "Meine Musik, das ist Blut, das sind Tränen, Gewalt, Haß, der Tod und die Liebe", sagt Oehring. Wie das klingt: "dunkel, morbild, opernhaft, dramatisch, hart, schizoid, krank, zerbrochen, sehnsüchtig, androgyn, alp-realistisch". Die Titel seiner Kompositionen bezeichnen bis 1996 häufig Todesstadien oder Handeln, das zum Tode führt (neben den oben genannten auch "Koma", "Strychnin", "Lethal Injection"), oder bezeichnend "Asche", "Irrenoffensive", und ebenso bezeichnend "gestauchte Winkel", "gestopfte Leere". Die Tanzoper "Das D'Amato-System" (1995) erhält ihren Titel aus der Bewegung des Boxers Cus D'Amato - Angriff und Verteidigung zugleich, Verletzen und Verletztwerden als Metapher für Sprache als Bedrohung und Schutz, als Verständnismöglichkeit und unüberwindbare Kluft. (Gisela Nauck)
Schließlich ist es Helmut Oehring doch gelungen, die beiden Welten zu verbinden. So wird "Mischwesen" von Orchestermusikern und der taubstummen Christina Schönfeld interpretiert. Die hervorragende, mutige Solistin hört die Musiker nicht, diese können ihre Gebärden ebensowenig verstehen, doch beide Klang-Körper musizieren synchron. Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben - aber ein Video davon kann man sich ansehen und anhören. Man kann.
Ungewöhnliche Wege geht Helmut Oehring auch in der Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin, der Komponistin Iris ter Schiphorst: beide zeigen, dass man durchaus auch das Komponieren teilen kann, so mit ihrem ersten gemeinsamen Stück "Polaroids (1996) für eine gehörlose Darstellerin und einen Sopranisten und weiteren gemeinsamen Kompositionen. Beiden ist das tiefe Misstrauen gegenüber der gesprochenen Sprache eigen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven heraus. Wenn der kleine Sohn der Lebensgefährtin voller unbändiger Plappersucht Unglaubliches in kürzester Zeit herunterspult, setzt Helmut Oehring das witzig und zart für Flöte um. Dem kann niemand lauschen, ohne verstehend zu lächeln. Helmut Oehring ist ein Mensch, der bemerkenswert offen und unbefangen über sein Leben und seine Kompositionen spricht, ohne Allüren und frei von Berührungsängsten. Er bietet, ebenso wie Iris ter Schiphorst, in Veranstaltungen und Seminaren Hilfe an, die Kommunikationskluft zu überwinden. Durch ihn gelang ein ungewöhnlicher Zugang zu einem schwierigen Thema, der eindringlicher ist als jedes Reden über Ethik und Moral.
..............
(Herangezogen wurden Texte der Musikwissenschaftlerin Gisela Nauck zur Musik von Helmut Oehring sowie Material des Musikverlages Boosy & Hawkes/Bote & Bock, Berlin, der die Veröffentlichungsrechte besitzt.)