Laudatio von Georg Katzer

anläßlich der Verleihung des Plöner Hindemith-Preises
an Helmut Oehring am 1. August 1997

Für H. Oehring

Ein Sohn gehörloser Eltern mit absolutem Gehör, als Musiker und Komponist Autodidakt. Mit 15 Jahren lehrt er sich Gitarre, mit 17 Ausbildung zum Baufacharbeiter, danach Hausmeister, NVA Dienstverweigerer, Totalverweigerer, Prozeß, Freispruch. Dann:Küster, Friedhofsgärtner, Waldarbeiter, Heizer. Mit 25 Noten gelernt, mit 29 Meisterschüler an der Akademie der Künste zu Berlin, im gleichen Jahr 1990 Hanns-Eisler-Preis, ein Jahr später bereits für sein erstes Orchesterstück der Preis des WDR-Musikforums, 1996 Orpheus-Preis in Spoleto für die dritte Kammeroper und nun der Hindemith-Preis. Eine Biographie wie für ein Kinostück erfunden. Kein Zweifel, daß hier einer der Begabtesten seiner Generation durch eine hochherzige Stiftung für sein Frühwerk geehrt wird.

Helmut Oehring kam zu mir als Autodidakt. Kein geringerer als Arnold Schönberg hat so begonnen.
Zitat Oehring: "
Momentaufnahmen" heißt ein Buch von Frank Schneider über DDR-Komponisten, über Schenker, Goldmann, Katzer und diese Leute. Es gibt darin einige Schaubilder mit sehr kurzen Notenbeispielen dieser Komponisten, umrahmte Kästchen mit vier oder fünf Tönen, Keimzellen, zu was weiß ich, aus denen sich riesige Dinger ableiten lassen. In dem Buch ABC der Musik' gab es eine Seite, auf der die Töne, die Buchstaben der Töne und die dazugehörigen Noten abgebildet waren. Mit Hilfe dieser Seite konnte ich die Keimzellen aus dem anderen Buch entziffern und auf der Gitarre nachspielen. Auf diese Weise fing ich an, Noten zu lernen und Noten zu schreiben. Eigentlich hat alles damit begonnen, daß ich angefangen habe, Musik aufzuschreiben." - Der Tonfall ist typisch für Oehring: Understatement, ein wenig lässig, schnoddrig, Mimikry. Helmuts Instrument war die Gitarre, auch die E.-Gitarre. Einer seiner Lieblingsmusiker: Jimi Hendrix. In seinen Partituren, die er scheu einigen Komponisten seines Vertrauens zeigte, wurde das sublim hörbar oder besser - lesbar, denn Aufführungen gab es noch nicht. In einem von mir arrangierten Konzert spielte er im Gitarrenduo ausgearbeitete Improvisationen, also sagen wir ruhig, Kompositionen, in denen seine originäre Begabung nun hörbar wurde. Auch kleinere Arbeiten, z. T. angewandter Art, ließen eine starke Individualität erkennen. Vielleicht war ich ein wenig naiv, als ich ihm empfahl, sich an der Akademie der Künste als Meisterschüler zu bewerben. Er hatte ja keines der so wichtigen Papierchen, er war auch, wie wir wissen, Totalverweigerer und also ein Fall für den Staatsanwalt. Die Abteilung Musik der Akademie der Künste hatte zunächst über seine Bewerbung zu befinden, die Abstimmung der Mitglieder ergab ein deutliches Votum für Helmut Oehring. Dann aber kam die Blockade durch den parteilichen Wachschutz. Das war 1988. (Fußnote: Übrigens hat sich Oehring nach der Wende nicht lautstark zum Oppositionellen erklärt zum Unterschied von den vielen, die sich flott aber unberechtigt den Widerstand ans Revers hefteten.) Ich hatte dann aber nach dem Fall der Mauer, als keine Betonköpfe mehr das Sagen hatten, das Vergnügen, von ihm als Lehrer gekürt zu werden, und wir haben in zwei Jahren Meisterschülerzeit gemeinsam gelernt, dabei war der Lehrer nicht immer nur der Gebende.

Die eigentliche Aufgabe des Kompositionslehrers besteht darin, neben der Propädeutik, also dem schlichten Handwerk, die kreativen Ansätze zu entdecken und zu bestärken, in denen sich die Persönlichkeit des Schülers zeigt oder wenigstens ankündigt. Alles andere kann gelehrt werden wie Mathematik oder, wem das lieber ist, das Posamentieren. Persönlichkeit, anders gesagt, Originalität ist als Charaktereigenschaft, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt lehrbar, sie ist darüber hinaus auch eine Sache des Mutes, der wiederum Konsequenz voraussetzt. Mit solchen Eigenschaften hätte ich den Komponisten Oehring schon zutreffend beschrieben. Zutreffend, aber nicht hinreichend. Seine Biographie, die ich eingangs im Schnellgang geschildert habe, gibt uns einige Fingerzeige, die wenigstens teilweise das Phänomen seiner Musik erklären könnten. Seine erste Muttersprache ist nicht eine Lautsprache, sondern die Gebärde. Oliver Sacks sagt dazu: "Der Unterschied zwischen äußerst verschiedenartigen Lautsprachen ist klein im Vergleich zu dem Unterschied zwischen Laut- und Gebärdensprache. Vieles, was die Lautsprache linear, sequentiell und in zeitlicher Reihenfolge - also nacheinander - ausdrücken muß, kann die Gebärdensprache simultan erzählen". Oehring sagt selbst: "Meine Muttersprache ist die Gebärdensprache. Lautsprache habe ich im Alter von 4 1/2 Jahren gelernt. Meine Musiken sind Doku-Dramen, sie kreisen um das Problem, daß Leute überhaupt Sprache und damit Beziehungen haben. Und sie ist Reaktion auf einen Mangel, Ersatz für Vermißtes Ausfüllen einer Leere, Fixieren einer Losheit." Oder, an anderer Stelle: "Dirigenten, Musikwissenschaftler, Kritiker treffen immer nur den unwesentlichen Teil, den wesentlichen Teil das Zentrum dieser Musik - könnten sie nur verstehen, wenn sie Gebärdensprache beherrschen würden". Beruht also sein Erfolg auf einem Mißverständnis? Wir ahnen, von welch zentraler Bedeutung die Erfahrung von Sprache und Kommunikation für ihn ist. Allein, es muß doch noch eine Schicht sein in dieser Musik, die, über sein Kindheitstrauma hinausreichend, uns unmittelbar anspricht, ohne daß wir verstehen, wovon da, verschlüsselt im Klang, die Rede ist. Musik wird ja nicht konkret in ihrem Sagen, wir wissen nicht, wovon sie tönt, ihre Zeichen sind ambivalent. "Der Klang, der Heimweh macht", sagt uns nicht, wohin das Sehnen und warum. Hegel hat uns das ausführlich erklärt.

Es ist aber gerade die Unbestimmtheit, die Deutbarkeit ihrer Zeichen, die uns mit Musik und über sie hinaus kommunizieren läßt. Versuchen wir in den Zeichen zu lesen, in den Handlinien, die seine Biographie in die Klänge gekerbt hat. Oehrings Werdegang auch als Musiker und Komponist ist ungewöhnlich. Kein Drill am Instrument, keine akademische Ausbildung, keine ästhetische Präformierung. Den Rock und andere Musizierstile hat er sich mit der Gitarre erspielt. Er hat keine Berührungsängste. Er integriert in seine Musik auch Elemente, die eine puristischer, hermetischer verstandene Neue Musik in freiwilliger Askese ganz der Popular- Musik überlassen hat: Melos, symmetrische, d. h. pulsierende Rhythmik, formbildende Redundanz. Oehring balanciert zwischen den Stilen und Stühlen mutig auf des Messers Schneide, rechts der Abgrund der Banalität, links die Wüstenei dürrer Konstrukte. Das ist oft morbid, dunkel, schizoid, krank. (Seine eigenen Worte.) Er denaturiert Instrumente, verstimmt, dämpft und manipuliert sie, damit sie ihre Aura, ihren klassischen Glanz verlieren und er spielt Tonbänder ein, die schlechten Radios entstammen könnten, welche die Wahrnehmung herausfordern und den ästhetischen Bruch in der Senkrechten zeigen. Hat die Denaturierung vielleicht ihre Wurzel in dem Sprachklang Gehörloser, wie er ihn in seiner Kindheit von seinen Eltern gehört hat? Selbstverständlich findet man Klangmutationen auch bei anderen Komponisten der Neuen Musik, bei Oehring erscheinen sie allerdings besonders ausgeprägt und geradezu obsessiv verfolgt, kein Hi-Fi, eher Low-Fi oder No-Fi. In einer Zeit, da Design seinerseits zum Styling herabsinkt, wo eine saturierte Welt sich nur noch und auch noch im Elend auf Glanzpapier darstellen will, da hat H. Oe. die Farbe Grau und das Schwarz entdeckt. Es ist aber nicht die Gräue der Unlust. Es ist auch nicht die Pathophilie eines Hans Castorp, sondern die scharfmachende Säure einer als Überlebensstrategie angenommenen und gleichzeitig erlittenen Blasphemie. Oehring bewegt sich nicht im interstellaren Raum, seine Themen sind sehr hiesig: Ausgrenzung, Vereinsamung, Kommunikationsverlust, Entwürdigung, Todesstrafe, immer formuliert in einer fast autistischen Verkapselung, die den Hörer auf geheimnisvolle Weise anzieht. Gewiß leidet er an dieser Welt wie jeder anständige Mensch. Er haut es uns aber nicht permanent in Form expressionistischer Aufschreie in die Ohren. Der besagte Anständige weiß es ja schon, und der Unanständige will es nicht wissen. Seine Musik scheint bei aller Härte und Rigidität manchmal geradezu leichtfertig daher zu kommen, - Mimikry, bewußte Irreführung der Behörden.

Wenn wir sagen, seine Musik sei in diesem Sinne welthaltig, klingt das banal wie ein Pleonasmus, aber ich meine, sie reflektiert das gegenwärtige Zeitgefühl mindestens seiner Generation recht genau. Die Ambivalenz, das Schwanken, Brechen zwischen Stagnation und Bewegung, Sehnsucht und Sarkasmus, Poesie und Frust, der bittersüße Trank aus Versprechen und Verweigern, das macht den Reiz dieser Musik aus. Der jüngste Balanceakt: Das 20minütige bei den diesjährigen Wittener Kammermusik-Tagen aufgeführte Stück "Live", das er zusammen mit Iris ter Schiphorst, quasi im gemischten Doppel geschrieben hat. Ein Balanceakt ohne Netz wie der berühmte Gang Bondinis über den Niagara Falls mit der Balancierstange in der Hand. Oehrings Balanciergerät ist der Bruch, für den er ein feines Gespür hat. Immer wenn wir uns einrichten wollen in seiner Musik, schlägt er eine Volte. Er gestattet uns keine schäbige Behaglichkeit. Helmut Oehring erhält den Plöner Hindemith-Preis, eine hohe Auszeichnung, eine Entscheidung, über die ich mich als sein ehemaliger Lehrer mit ihm freue, die ich als Hörer nur begrüßen kann, zu der ich der Jury gratuliere. Ich will mich nicht mühen, Oehrings Wurzeln beim Namensgeber des Preises zu suchen, so engherzig ist der Preis nicht gemeint. Immerhin: Auch Hindemith hat sich für das Idiom der Umgangsmusik interessiert und daraus Funken geschlagen. Ein Unterschied zwischen beiden Persönlichkeiten liegt aber wohl darin, daß Hindemith auch Theoretiker war. In seinem Versuch, der auseinanderdriftenden Kompositionspraxis noch einmal Halt zu geben durch Handwerkslehre und Werk, unterscheidet er sich vom Preisträger, der an ästhetischen und musiktheoretischen Problemen weniger interessiert scheint als an dem, was Musik hervortreibt. Ich darf noch einmal den Ausgezeichneten zitieren: "Nach jedem Stück denke ich: Das war dein letztes. Aber solange das Seil trägt, gehe ich da nicht runter, und der Rest ist sowieso nur Warten auf das Schreiben". So weit Oehring. Ich sage: das Seil wird tragen. Geh da nicht runter, Helmut!