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Last update: 11 September 2003

Das Porträt:
Musik drängt zum Herzen


Der Komponist Helmut Oehring


Von Herbert Glossner,
erschienen in Musik und Kirche 3/2003 ©

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Erst mit viereinhalb Jahren hat er sprechen gelernt, er ist ein Kind gehörloser Eltern. Diese Erfahrung prägte seinen künstlerischen Weg. Die Gebärdensprache, seine "Muttersprache", versucht er durch sein kompositorisches System umzusetzen. Inszwischen ist Helmut Oehring zu einem gefragten Komponisten geworden, der seine eigenen Geschichten erzählt und Unerhörtes Klang werden lässt.

Er ist ein Erzähler. Was er sieht, hört, liest, mit seinen Sinnen ergreift, davon erzählt er mit seiner Musik. Einer Musik, die alle Dimensionen zeitgenössischer Tonsprache durchmisst und doch ganz bei sich selbst bleibt. Musik, die Geschichten erzählt. Wahre Geschichten, die sich den Hörenden freilich nicht ungebrochen mitteilen, so, als erführen sie Neues aus den Nachrichten, leicht konsumierbar und ebenso schnell zu vergessen. Was im Wahrnehmen ihm zu Musik wird, zu klingender Sprache und sprechenden Klängen, kommt in veränderter Gestalt einher. Unerwartet und darum beunruhigend, fremd und dadurch eindrücklich. Menschliche Stimmen sind nicht einfach Stimmen, sie wissen mehr als Worte zu sagen. Instrumente sind nicht nur Instrumente, sie geben anderes preis als bloß den vertrauten Klang und verbergen ihre Wahrheit oft hinter grellen Masken. Diese Musik füllt den realen Raum im Konzert mit Schwingungen, mit Körperbewegung, auch mit den schöpferisch gestaltenden Mitteln der (Live-)Elektronik und weitet so die Seele zum Wahrnehmungsraum. "Musik drängt auf ganz subtile Weise zum Herzen", sagt er.

Der Schlüssel zu dieser Musik liegt in der Lebensgeschichte des Komponisten. Obwohl: Helmut Oehring zögert, sich Komponist zu nennen. Eher schon Dokumentarist, aber nicht so, dass er Ereignisse 1:1 umsetzt wie etwa ein Dokumentarfilmer, sondern sie verwandelt: "In mir laufen zu dem, was ich sehe, ganz viele verschiedene Ansichten, Meinungen, innere Monologe ab, Klänge, Texte, ganz komplexe Verschachtelungen von Abläufen. So dass ich das immer in Gebärden rückübersetze und die Gebärden wiederum weiter übersetze in Klänge."
Das ist der Schlüssel: "In der Musik habe ich ein Medium gefunden, das in einem sehr ästhetischen Sinne meiner Muttersprache, der Gebärdensprache entspricht." 1961 im damaligen Ost-Berlin geboren, ist er als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen. Erst im Alter von viereinhalb Jahren lernte er sprechen. Die schmerzliche Spannung von Hören und Stummsein, Stille und Lautwerden musste er im eigenen Körper austragen. So kann er seine Arbeit auch als einen "Selbstheilungsprozess" beschreiben. Dieser Prozess, ein Fortschreiten, führt über Stationen, die rückblickend sich folgerichtig zusammenfügen zum heutigen Bild des international geehrten, gefragten Künstlers Helmut Oehring. Sie lassen verstehen, warum er im Gespräch, auch im öffentlichen, so unmittelbar, frei, offen, bescheiden wirkt, immer präsent und voller Charme, wenn er in saloppen Berliner Ton fällt.

Nach einer Ausbildung zum Baufacharbeiter kam er als Kriegsdienstverweigerer in eine Kirchengemeinde, "wo ich einen kleinen Friedhof zu behüten hatte". Er versah Küsterdienste, arbeitete in der Jungen Gemeinde, konnte mit dem Pfarrer "über Gott und die Welt" diskutieren. Und da war eine Orgel, die ihn zu ersten musikalischen Improvisationen lockte. Noten kannte er noch nicht, Gitarrespielen hatte er sich selbst beigebracht, Rock und Jazz waren seine Welt. Bis er erstmals mit "ernster" Musik in Berührung kam, neugierig wurde auf das Neue, Neues lernte, hörte und selbst ausprobierte; Musik aufschrieb, für Gitarre, ein Streichquartett, Triostücke. Er knüpfte Kontakt zu Komponisten und war Ende zwanzig, als er einem der angesehensten Komponisten der DDR empfohlen wurde: Georg Katzer nahm ihn als Meisterschüler an der Akademie der Künste auf. "Ich hätte mir keinen besseren Lehrer wünschen können."

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Katzer ließ ihn seinen eigenen Weg finden. Der folgt keinem vorgefertigten Regelwerk. Oehring vertraut der Intuition. Aber: "Ich höre darauf, was will das Stück, wohin wollen die Klänge und nicht, was will ich. Das andere, das mich sehr formt, ist meine Muttersprache. Es gibt in meiner Musik Bewegungsabläufe, die ganz eng an Gebärden gekoppelt sind. Man redet ja auch von Musikgebärden. Insofern gibt es da eine Art Modell, das geprägt ist durch die Grammatik der Gebärdensprache, durch die Grammatik des Raums, den die Gebärdensprache ausfüllt. Das übertrage ich teilweise auf die Grammatik meiner Musiksprache." Entwürfe, Skizzen gibt es nicht. Seine Partituren entstehen direkt als Reinschrift. Nur wenn Elektronik, die raumfüllende Surround-Technik, mit im Spiel ist, kann sich in den Proben noch einiges ändern, siegt der Spieltrieb mit dem Joystick über ausformulierte Strenge.

Seit 1993/94 ist die gehörlose Gebärdendarstellerin und Sängerin Christina Schönfeld in Oehrings Schaffen verwoben. In der multimedialen Tanzoper Das d'Amato System (1996 München) wirkte sie mit, in Effi Briest (2001 Bonn), Mischwesen (1998) war vergangenes Jahr in Kassel zu erleben. Ein Wagnis, aber mit ungeahnten Folgen. Christina Schönfeld baute einen Gehörlosenchor auf, den Oehring in Verlorenwasser (2000 Stuttgart) mit neun Solisten einsetzen konnte. In der Dokumentaroper (1994/95 Witten), in BlauWaldDorf (2002 Aachen) waren es drei - und immer innerhalb eines großen Ensembles.

Von dieser Arbeit, von wechselseitiger Skepsis zu wachsendem Vertrauen, kann der Komponist nur schwärmen. Wer die unbeschreibliche Kraft spürt, die von den Gebärden und von den Lauten, ja, dem Gesang der Gehörlosen ausgeht, kann kaum ermessen, was dem voraus geht: die Notation von Text und präzisen verbalen Anweisungen wie "sehr hoch, mittel ..., schnell, langsam ..., sehr laut, ... leise ... "; die Abstimmung mit dem Dirigenten, auf dessen Zeichen die Gehörlosen angewiesen sind.

Helmut Oehring hat ein Solo-Stück für Orgel geschrieben (4real, 1996), ein Requiem (1998), das sich auf Mozarts letztes Werk bezieht, immer wieder Stücke, die um Leid und Tod, Verlust und Sterben kreisen. Geistliche Musik im herkömmlichen Sinn, gar Kirchenmusik gibt es nicht von ihm. In seinem Œuvre von einem Dreiviertelhundert Titeln seit 1986 stehen Zyklen wie Koma, Irrenoffensive, Der Riss, Bezeichnungen wie Cayabyab, Strychnin, Lethal Injection, die von Grenzsituationen menschlicher Existenz erzählen. Er macht, wie auch die Komponistin Iris ter Schiphorst, mit der er seit 1996 eine Reihe von gemeinsam erarbeiteten Werken geschrieben hat, keinen Unterschied zwischen geistlicher und weltlicher Musik. "Jede Musik, die haften bleibt, die Fragen stellt, ist für mich auch immer geistliche Musik".
Die Kirche hat er verlassen, weil sie ihm zu schwerfällig reagiert auf Probleme, zu weit weg ist von den Menschen. Die Erfahrungen in der Kirche, die Begegnung mit Bachs Chorälen wird er nie vergessen.