Schwermetall, aus dem Bauch heraus
Helmut Oehrings körperklangreiche Tanzoper
„Das D'Amato System“ im Carl-Orff-Saal
Der Ostberliner Helmut Oehring ist „anders“. Mögen „normale“ Komponisten bei öffentlichen Podiumsgesprächen vielleicht Partiturseiten auf der Filmleinwand zeigen, um handwerkliche Finessen des Metiers zu kommentieren, so ließ Oehring beim Gespräch vor der Uraufführung seiner Oper - als Beispiel für seine Musikanschauung? - einen Schwergewichtsboxkampf kurz aufflimmern. Man sah zwei gewaltige Kämpfer mit blutenden Gesichtern-eine existentielle Leben-Kunst-Erfahrung - keine feinsinnig-spielerische Metapher.
„Anders“ ist Helmut Oehring zunächst schon durch sein Schicksal, als Kind gehörloser Eltern die Muttersprache zunächst nur in Gebärden gelernt zu haben, erst später unsere normale Lautsprache. Sprache als lautlose Stille, doch als konkrete Bewegung im Raum: reichhaltiger, vielschichtiger, dramatischer als die Sprache des Anderen - eine schwierige Identität als Künstler stellt sich her. Bilder sind am wichtigsten, Melodien und Klänge gehen immer aus Körperbewegungen und Gesten hervor. „Das D‘Amato System“ und sein ästhetisches Prinzip der Vermischung der Sprachebenen erklären sich aus der Biographie.
Oehrings Tanzoper bietet sich beim ersten Anhören und Anschauen als schwer entwirrbares, gleichwohl bannendes Konglomerat diverser musiktheatralischer Komponenten dar.
... das präzise Kammerensemble Neue Musik Berlin unter dem jungen Roland Kluttig - sitzen ganz vorn auf dem Podium und spielen die Partitur, als handele es sich um den Soundtrack zu einem Musiktheateralptraum: Oper auf dem Verschiebebahnhof von E und U, von zarter Kammermusik und krachendem Discosound, von minimalistisch-leiser Introspektion und gehämmerten Rockrhythmen. Die ganze Mischung aus elektronisch erzeugten Geräuschen und Spezialeffekten, live gespielter und (mit Hilfe des „Circle Surround“-Verfahrens) raffiniert verstärkter Musik muß, ohne daß man weiß wieso, einer verborgenen Ordnung gehorchen - dies bleibt das Geheimnis der Partitur eines starken und doch verletzlich wirkenden Komponisten, der gar keiner sein will. Entscheidend für die „Komposition“ des Ganzen: die dem Filmischen verwandte harte Klang-Schnitt-Technik Helmut Oehrings. Aufregend.
Oehrings neue Tanzoper, ist ein weiterer Höhepunkt aktueller Darstellungsformen, virtuoses Beispiel dieses Prinzips der Verzahnung aller Genres. Dabei jedoch eines sicher nicht: selbstverliebt sich inszenierendes Komponistenhandwerk, um des virtuos Gekonnten selbst willen. Oehring ist gewiß einer, der muß.
Oehring wird wachsam genug sein, auch den Erfolg, wie jetzt bei der 5. Münchener Biennale, zu beherrschen.
Süddtsch. Zeitung 10.05.1996
von Wolfgang Schreiber