Le Monde, 18.10.1998
PRAE-SENZ, REQUIEM
von Pierre Gervasorri
Das „Requiem“ des Paares Oehring/ter Schiphorst stellt auf die Probe (sucht heim, beunruhigt?) und tröstet (stärkt)
Ausnahmefall in der soganannten Kunstmusik, zeitgenössisch oder nicht, eine Musik gemeinschaftlich von zwei Autoren geschrieben: der Autodidakt Helmut Oehring (1961 in Ost-Berlin geboren) und seine vielseitige Gefährtin Iris ter Schiphorst (1956 in Hamburg geboren).
Kaum weiter bekannt gemacht (verbreitet), erklärt sie die üblichen Unterscheidungen zwischen Pop, Jazz Avantgarde für ungültig bis hin zum „Aktuell-Sein“ sowohl für die Rapper aus den Vororten wie für die Abonnenten des IRCAM.
Verfaßt von einem hypersensiblen, in der Kindheit Traumatisierten (Sohn taubstummer Eltern, scheint Helmut Oehring sich nie von dem „Klang“-Schock des Erlernens der gesprochenen Sprache mit 4½ erholt zu haben) und einer „Pasionaria“ der Multimedia-Performance (Ex-Bassistin und Rock-Schlagzeugerin, hat sich Iris ter Schiphorst der instrumentalen Erforschung verschrieben) hat diese Musik mit verwüstender Bestimmung dennoch einen Vorgänger mit B. A. Zimmermann´...
PRAE-SENZ, erster Punkt des vom Brüsseler Icuts Ensemble brillant interpretierten Programmes spielt direkt auf den deutschen Komponisten an: dieses Trio ... trägt die Bezeichnung „Ballet blanc II“ nimmt Bezug auf die Partitur Présence (Ballet blanc ...) von Zimmermann ... und benutzt wie sein Vorgänger Collage und Zitate. Ersetzt auf dennoch radikal gegensätzliche Weise den apokalyptischen Ansturm zu Lasten des Spirituellen. Mit einer roten Lampe von schwankender Helligkeit versehen, vermitteln die Interpreten den Eindruck, sich in einen Bunker geflüchtet zu haben. Explosionen und Feuersalven ... sind in diesem Sinn im Überfluß vorhanden.
Wie die von Rockgruppen, zieht sie aus der Szene eine seltene Qualität des Rauschhaften, ...
AUFLÖSUNG DER WERTE
Die Wahl eines Requiems als Antwort auf den Auftrag des Festival d´ Automne ist nicht überraschend. Seine Ausführung ist es umso mehr. 15 Instrumentalisten (einige mit einer ausgeklügelten elektronischen Ausrüstung versehen) und drei Sänger liefern sich energisch der verrücktesten Auflösung musikalischer Werte dieses Jahrhunderts aus. Totengräber einer Kultur des Werkes, behalten die Komponisten von der Musik nur die Manifestierung durch Schwingungen (Wellen?), wenig moduliert, nicht systematisiert (in Reihenfolge), vollständig befreit. Schwingung (?) des Trauermarschs, von zwei Posaunen intoniert (Original Mozart) über einem alptraumhaften Pulsieren des Tutti; Schwingung eines Volkszugs (pathetische Fanfaren) und allgemeine Zeichen (Sirenen, Larsen-Effekte,woraus ein einsamer Gitarrist auftaucht) Schwingungen des Grauens (zusammengestellt mit Tönen verwandt einer Menge von Bösen Geistern); Schwingungen der religiösen Verzerrungen (Synthesizer mit Eigenschaften eines Harmoniums.)
Vom Anfang bis zum Ende konfliktreich man wird es verstanden haben wird diese Requiem nicht zum Seelenfrieden verhelfen. Dennoch verschafft es einen moralischen Trost, wo sich doch mehr und mehr für die zeitgenössische Musik die Frage der Bezuglosigkeit der Sprache stellt.