Gemeinsame Werke mit Iris ter Schiphorst

  • Polaroids ein Melodram für eine Taubstumme, einen Sopranisten und Instrumentalensemble, Text:  Iris ter Schiphorst/Helmut Oehring (UA Donaueschingen 1996)
  • Live 18 Songs nach dem gleichnamigen Gedicht von Anne Sexton für eine Sängerin, Violine, Cello, präp Klavier/Sampler und Live-Elektronic (UA Witten 1997)
  • Prae-Senz (Ballet blanc II) für Violine, Cello, präp. Klavier/Sampler (UA Berlin 1997)
  • Silence  moves für Stimme, Violine,  Cello, E-Baß, präp Klavier, Zuspielbänder,  Videoinstallation und Live-Elektronik (mit Helmut Oehring); Text:  Iris ter Schiphorst, (UA Dresden, 1997)
  • Silence moves II für  Stimme, Violine; Cello, E-Gitarre, E-Baß, präp  Klavier/Sampler, Zuspielbänder, Text: Iris ter Schiphorst (UA  Rom 1997)
  • A.N. für 2 Stimmen und Instrumentalensemble (UA Belgien 1998)
  • Im Vormonat... für Instrumentalensemble (UA Saarbrücken 1998)
  • Mischwesen für eine  taubstumme Frau, 3 Trompeten und Keyboard, Texte: Anne Sexton,  Iris ter Schiphorst, Helmut Oehring (UA Holland 1998)
  • Requiem für 3 Countertenöre und Instrumentalensemble (UA Paris 1998, DEA Doaueschingen 1998)

    Alle Werke erschienen bei Boosey & Hawkes • Bote & Bock, Berlin/London

     

Zur Zusammenarbeit von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring

Was in dem Überlassen einiger Melodien und Texte von Iris ter Schiphorst für Helmut Oehrings Musiktheaterprojekte "Das D'Amato System" und "Dokumentation I"  1995 seinen Anfang nahm, entwickelte sich seit 1996 zu einer der aktuell erfolgreichsten Zusammenarbeit zweier Komponisten. Im  gemeinsamen Schaffen fanden beide eine neue Motivation - Iris ter  Schiphorst z. B. in der neuerlichen Auseinandersetzung mit  traditioneller Notation. Ertrag und Kristallisationsmomente der Künstlerbeziehung waren das 1996 in Donaueschingen uraufgeführte Melodram "Polaroids", der 1997 in Witten uraufgeführte Gedichtzyklus "Live" (nach Anne Sexton) und das  im selben Jahr in Berlin vorgestellte "Prae-Senz (Ballet blanc II)". Es folgten das im November 1997 in Rom präsentierte  "Silence Moves II" (für Stimme, Instrumente, Live-Elektronik und Zuspiele) und in jüngster Vergangenheit "A.N." (für  2 Stimmen und Instrumentalensemble; UA April 1998 in  Brüssel)sowie "Im Vormonat ..." (für Instrumentalensembe; UA Mai 1998 Saarbrücken). Außergewöhnlich, vielleicht einzigartig, ist die Zusammenarbeit nicht nur durch die Arbeitsweise, die beiden Künstlern die Orientierung an eigenen Vorgaben läßt, gleichzeitig aber den Dialog fordert. Präsent, jedoch nicht ständig hinterfragt, steht dahinter eine Werkauffassung ent-invidualisierenden Charakters,  die beim Publikum zu Irritationen führen kann: Unmittelbar  zusammenhängend mit der konventionellen Auffassung von Werk und Autorenschaft - daran konnten im zu Ende gehenden Jahrhundert  auch unterschiedlichste musikalische Konzeptionen vom Jazz bis hin zu Cage kaum etwas ändern - gilt der Komponist und sein Werk  immer noch als etwas unteilbares. Eine Vorstellung, der weder Iris  ter Schiphorst noch Helmut Oehring anhängen, sondern die sie im Gegenteil vehement in Frage stellen und ihrer Position gewissermaßen "performativ" durch den tätigen  Gegenbeweis Nachdruck verleihen. Parallelen in den beiden  Biographien, vor allem eine ähnliche Ausbildungssituation  deuten den Hintergrund ihres Verständnisses füreinander an: Beide sind mehr oder weniger als Autodidakten zur Komposition  gekommen und wurden stark von den Werken aus der - im weitesten  Sinne -"Unterhaltungsmusik" beeinflußt, in der das  gemeinsame Komponieren die Norm und nicht die Ausnahme ist. Gemeinsam ist ihnen auch ein tiefes Mißtrauen gegenüber  der Sprache, sowohl als Instrument, als Kommunikations- und  Ausdrucksmittel wie auch als Symbol von Macht und Herrschaft und  als Stifterin von Identitäten. Helmut Oehring, der als Sohn  taubstummer Eltern überhaupt erst mit vier Jahren sprechen lernte, hat in die Musik ein fundamentales Mißtrauen gegenüber dem Laut an sich hineingebracht. In seiner "Dokumentaroper" ist das Zersetzen des Klingenden zugunsten eines rauhen brüchigen Tones, vermischt mit den unartikulierten  Lauten der Sprache der Gehörlosen, zu erleben. Für ihr erstes gemeinsames Stück "Polaroids" (1996) wählten sie denn auch mit einer gehörlosen Darstellerin und einem  Sopranisten eine durchaus programmatische Besetzung. Das Melodram  umkreist ein Hauptthema beider Komponisten: "In Wirklichkeit ist  Gebärdensprache, trotz ihrer Laut-losigkeit, dem System der Musik wesentlich ähnlicher als der gesprochenen phonetischen Sprache." Obwohl auch für Iris ter Schiphorst der  Rückbezug auf einen nicht klingenden gebärdenhaften  Bereich eine große Attraktivität besitzt, scheidet sich darin auch wesentlich die Auffassung beider: Denn für Iris  ter Schiphorst ist der Klang - als Gegensatz zur Schrift - das  eigentlich Lebendige. So wird auch verständlich, daß  Iris ter Schiphorst gerne und häufig für Stimme  schreibt, während für Helmut Oehring bis 1995 Instrumentalmusik im Vordergrund stand. Fast immer verfremdete er  den "normalen" Klang, Saiten wurden verstimmt, die Felle der Schlagzeuge entspannt, Stimmung verzeichnet, "[...] bis  nichts mehr 'natürlich' klingt [...]" Oder wie  Giesela Nauck kommentierte: Der Klang seiner Musik "[...]  ist schmerzhaft schrill, erbärmlich, scheppernd,  röchelnd, dumpf, nur die Gesangsstimme kann manchmal - und  das auch erst in Werken der letzten Zeit - einen  reinen,melancholischen Ton annehmen." Doch die differenzierende  Auffassung im Bereich Sprache und Klang hemmt ihre Zusammenarbeit  nicht, sondern unterstützt sie fruchtbar. Denn trotz oder  gerade aufgrund des beständigen Mißtrauens  gegenüber Sprache als Zeichen und in ihrer Wirkung oder  gegenüber Bedeutungen die durch Sprache geschaffen und  zementiert werden, haben Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring keine Verständigungsprobleme. Wenn sie sich auf die Thematik,  die Besetzung und den Gestus einer Komposition geeinigt haben,  beginnt jeder zunächst allein zu schreiben. Nach einiger Zeit fügen sie ihre Entwürfe zusammen und präzisieren sie, indem sie Teile herausnehmen oder ergänzen: im Grunde genommen also eine völlig unprätentiöse  Verfahrensweise, deren Erfolgsgeheimnis nur im tieferen, von hoher  Individualität geprägten Dialog zweier  Komponistenpersönlichkeiten gesucht werden kann. So bedeutet gemeinsam komponieren letztlich nur, sich auf die Stimme eines "anderen" zu verlassen, einzulassen....

Yoreme Waltz (1998)

Helmut Oehring

Co-Kompositionen