HELMUT OEHRING * TATJANA ORLOB 4, CHRISTINA SCHÖNFELD "ACHT (aus: Der Riss)" 1998 (Uraufführung)

... Durch die erste feine Öffnung saugt der Riss alles auf und es entsteht ein anderer Ort. Es ist der Nicht-Ort, die absolute Stille, ohne Gehör, ohne Sprache. Keine Sicht.

Helmut Oehring ACHT (aus: Der Riss)"

Helmut Oehring ist einer der ersten Komponisten, der das Existentielle der Sprachen und die unüberbrückbare Kluft zwischen Laut- und Gebärdensprache in seiner musikalischen Arbeit zu zeigen versucht. Seine Musik kommt aus der Bewegung und aus der filmähnlichen Bildhaftigkeit der Gebärdensprache, ihrem blitzschnellen Wechseln der zeitlichen Ebenen, dem Hin und Her von Close-up und Totale. Er mixt Harmonien und Klänge, zitiert Musikstile und Umweltgeräusche, läßt Sängerinnen gebärden und stumme Performerinnen singen, sprechen, schreien. Mithilfe des circle-surroundsystems (GOGH-surround music production Berlin) bewegt sich das Klangspektrum seiner Musik von allen Seiten in den Raum hinein, wird der menschliche Körper zum schwingenden und vibrierenden Instrument. Oehrings Musik wendet sich an die hörende wie an die gehörlose Weit, zeigt deren ästhetische Autonomie und Eigenständigkeit und hat doch kaum eine Chance, adäquat er-fahren zu werden. Nur wenige Hörende sind mit der Gebärdensprache vertraut. Wenige Gehörlose kennen die gesprochene Sprache und ihre Musik. Viele von ihnen sind von Geburt an taub. Einige können mit einem restlichen Hörvermögen den musikalischen Klang erahnen.

Oehrings Musiktanztheater "ACHT (aus: Der Riss)'' für eine Solotänzerin, sieben gehörlose Darstellerinnen und Darsteller, Projektionen, Zuspiele und LiveElektronik ist in konzeptioneller Zusammenarbeit mit Tatjana Orlob entstanden, die Ausschnitte ihres aktuellen Solo-Tanzprojektes Prisma" integriert. Die oben zitierten Acht Texte, die zu VerTonen-Ver-Tanzen-Ge-Bärden sind" (Oehring), sind eine Art Synthese aus Laut- und Gebärdensprache, wobei die Syntax der Gebärdensprache übernommen wurde. Sie stellen für die Musik von Oehring wie für die künstlerische Arbeit von Christina Schönfeld den Ausgangspunkt dar. Christina Schönfeld war es, die zum ersten Mal in der Geschichte der Gehörlosen Europas als Gebärdensprachsolistin mit Profimusikern auf der Bühne stand und sich traute, im zeitlichen Verlauf einer Partitur eine mit der Musik koordinierte Gebärdenstimme vor Publikum auszuführen. Für ACHT (aus: Der Riss)" hat sie als Regisseurin die Texte mit dem Chor des Zentrums für Kultur und Visuelle Kommunikation Gehörloser Berlin/Brandenburg e.V." einstudiert. Musik, Gebärden, Tanz und Texte drücken mit größter Deutlichkeit das Grundgefühl vieler Gehörloser und Schwerhöriger aus, zwischen den Welten und ihren Wirklichkeiten zu stehen. Tatjana Orlob (TanzLabor Berlin), die seit 1983 mit eigenen Solotanzprojekten im In- und Ausland gastiert, thematisiert in ihrem jüngsten Projekt Prisma" erstmals die eigene Schwerhörigenproblematik": Im Gegensatz zur Welt der Stille bei den Gehörlosen, handelt es sich bei den Schwerhörigen um eine Welt der Halbstille, um eine Zwischenwelt, die ich darstellen möchte." In .ACHT (aus: Der Riss)" wird sie Teile dieser Arbeit zeigen.

HELMUT OEHRING 9 TATJANA ORLOB * CHRISTINA SCHÖNFELD

"ACHT (aus: Der Riss)" 1998 (Uraufführung)

Musiktanztheater für eine Solotänzerin, sieben gehörlose Darstellerinnen und
Darsteller, Projektionen, Zuspiele und Live-Elektronik

Musik und Text: Helmut Oehring
Choreographie/Tanz: Tatjana Orlob (TanzLabor Berlin)
Chor des Zentrums für Kultur und Visuelle Kommunikation Gehörloser Berlin/
Brandenburg e.V.; Leitung: Christina Schönfeld, Mitwirkende: Gerlinde Demel,
Alexandra Herrmann, Reinhard Matschke, Rolf Puttrich-Reignard, Steffen Helbing,
Gabriele Birckenstaedt
E-Gitarre: Jörg Wilkendorf
Sound: Torsten Ottersberg (GOGH - surround music production Berlin)
Projektionen/Zeichnungen: Hagen Klennert
Lichtgestaltung: Tomski Binsert

Dank an: Mime Centrum Berlin und Siemens Audiologische GmbH Erlangen