Man kommt nicht umhin festzustellen, daß wir in Harmonie mit einer immensen Fülle kultureller Element leben, die aus unterschiedlichsten Epochen stammen; daß wir simultan in zahlreichen Ebenen der Zeit und der Erfahrung existieren, die oft gar nichts miteinander zu tun haben ( ... )

B.A. Zimmermann

Présence: das ist die dünne Eisschicht, auf der der Fuß eben nur so lange verweilen kann, bis sie einbricht; aber während der Fuß noch für den Bruchteil einer Sekunde auszuruhen vermeint, bricht sie schon, die dünne Decke, und zurück bleibt die Gewißheit des Packeises; voraus der Blick in die Zukunft mit einer Gewißheit der immer wieder neu begonnenen Gegenwart des Splitterns der Eisschicht und die Absurdität, die in dem ständig unternommenen Versuch liegt, Fuß zu fassen. So erscheint Présence als jene Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.


Den Begriff der Zeit, der für Zimmermann stets im Zentrum der musikalischen Reflexion gestanden hat, faßte er als Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich in ständiger Gleichzeitigkeit aller Erscheinungen manifestiert. Solchen Pluralismus transportiert der Komponist ins Musikalische durch die Verknüpfung verschiedener, nach Stil und historischer Genealogie oft extremer kompositorischer Schichten in einer Art musikalischer Collage- und Montagetechnik, die der modernen Dichtung (James Joyce, Ezra Pound) und Malerei (Surrealismus) starke Impulse verdankt. Am konsequentesten hat Zimmermann das Prinzip der "pluralistischen Klangkomposition" in seiner Oper Die Soldaten (nach dem Drama des Sturm-und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz) verwirklicht, sie wurde 1958-60 komponiert, doch erst 1965 in Köln mit sensationellem Erfolg uraufgeführt.

Früher bekannt wurde eine Gruppe von gleichzeitig oder wenig später entstandenen Werken, die nach dem gleichen Prinzip gearbeitet sind und stilistisch aufs engste zusammengehören: das "Ballet blanc en cinq scénes pour violon, violoncelle et piano" mit dem Titel Présence von 1961 und die Dialoge für zwei Klaviere und großes Orchester, die 1964 in einer neuen Fassung ohne Orchester als Monologe für zwei Klaviere publiziert wurden. Das Klaviertrio Présence entstand als Auftragswerk des Hessischen Rundfunks und wurde bei den Darmstädter Ferienkursen 1961 uraufgeführt. Die erste szenische Realisation brachte John Cranko mit dem Ballett des Württembergischen Staatstheaters Stuttgart bei den Schwetzinger Festspielen 1968 heraus, sie folgte im wesentlichen der choreographischen Konzeption des Komponisten, die drei Charaktere verschiedener literarischer Provenienz als Protagonisten zusammenbringt: den Don Quichotte des Cervantes, die Molly Bloom aus dem Ulysses von Joyce und Alfred Jarrys Roi Ubu. Jeder dieser Figuren ist eines der drei Instrumente zugeordnet: der Geige Don Quichotte, dem Cello Molly Bloom und dem Klavier Roi Ubu. Bemerkenswert für die musikalische Erscheinung des Werks ist die simultane Verwendung unterschiedlicher und voneinander unabhängiger Zeitschichten in den einzelnen Instrumentalstimmen, die differenzierte Clustertechnik des Klavierparts und die Auswahl der Zitate aus Don Quichote von Richard Strauss, der 2. Klaviersonate von Prokofieff, Stockhausens Zeitmaße und - kaum erkennbar im 5. Satz - einige Takte aus Debussys Jeux.

Es beginnt mit der Wiederholung
Dem Vatermord, der kein Ende hat
PRÉSENCE und ihr Double.
Ein 'théâtre de la cruauté'.
Das Nicht-Darstellbare.
'Ballet blanc'.

Nach POLAROIDS (Melodram für eine taubstumme Darstellerin, einen Sopranisten, 12 Instrumente und live-Elektronik, 1996, uraufgeführt während der Musiktage in Donaueschingen durch das Ensemble Modern) und LIVE (aus: Androgyn, nach dem Gedicht LIVE von Anne Sexton, 1997, uraufgeführt im Rahmen der Tage für Neue Kammermusik in Witten) ist PRAE-SENZ die dritte Arbeit, die Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst als Koautoren geschaffen haben. "Ein großer Tisch und ein Stift", erklärt Oehring die in diesem Bereich ungewöhnliche gemeinsame Arbeitsweise, die beiden Komponisten jedoch noch aus Zeiten vertraut ist, in denen Jazz und Rock ihre Heimat war. Und die Zusammenarbeit wird fortgesetzt-. Anfang Oktober folgt die Berliner Uraufführung von Silence moves und im kommenden Jahr u.a. die von Requiem (in Donaueschingen).

PRAE-SENZ greift neben der Instrumentation auch die Satzanzahl, die ungefähre Länge der Komposition (ca. 30 Minuten) und vor allem die Art der Instrumentalbehandlung des von den jungen Komponisten bewunderten Vorbildes, Présence von Zimmermann, auf.

Dabei geht es Oehring/ ter Schiphorst vornehmlich um das "Kraftfeld", das Zimmermann entfaltet. Wörtliche Zitate geben sich sichtbar als solche in der Partitur des Gegenbildes zu erkennen: Passagen, die aus Zimmermanns Notentext regelrecht ausgeschnitten wurden, finden - eingeklebt in die Partitur von Oehring/ ter Schiphorst - einen neuen Kontext.

Den deutlichsten und unüberhörbaren Unterschied zur älteren Komposition markiert bei PRAE-SENZ die Einführung der Elektronik, die prägend auf das Klangbild, den "sound" einwirkt. Die dichte Verzahnung der drei Instrumentalisten wird durch die elektronischen Zuspiele jedoch nicht unterbrochen: es handelt sich um verfremdete Aufnahmen vorher eingespielter Présence-Passagen, deren Zuspiel von den Musikern selbst ausgelöst wird.
 

 

Aus dem Programmheft:
Audio set up: "Prea-Senz", Helmut Oehring & Iris ter Schiphorst
he performing-material includes some samples and sounds (HD-takes in the sum 32 Mbyte), they are prepared and formatted in the AKAI S 3000 format, and programmed for the keyboard Roland D 50 , that means following equipment is to order (by rent) for performing Prae-Senz

- 1 Keyboard Roland D 50
- 1 Sampler Akal S 3000 (mit 32 Mb RAM)
- 1 Removeable Drive Syquest 270 Mb + SCSI Connector between Drive and Sampler
  (! respect : different kinds of SCSI Connectors)
- 1 Volumen Pedal
- 1 Hold Pedal
- 1 Aktiv Monitor (z.B. Yamaha MS 60 o.ä.)
- midi + audio wires