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SEXTON A.
für Viola solo (1996)
unter Verwendung von Melodien von Iris ter Schiphorst
Gewidmet Tabea Zimmermann
Uraufführung: 24.9.1997 Berlin, Staatsbibliothek (Otto-Braun-Saal)
Tabea Zimmermann, Viola
Ein Auftragswerk der Berliner Festspiele GmbH (47. Berliner Festwochen)
Anne Sexton, geboren 1928 in Newton, Mass., lebte zunächst das klassische Klischee der Mittelschichts-Hausfrau, bis sie im Alter von 28 Jahren nach einem psychotischen Schub auf Anraten ihres Therapeuten Lyrik zu schreiben begann. In den nächsten 15 Jahren wurde sie zu einer der prominentesten Vertreterinnen der "confessional poets". Sie erhielt bedeutende Literaturauszeichnungen, darunter den Pulitzer-Preis. Am 4. Oktober 1974 nahm sie sich das Leben.
Die Schwierigkeit ist,
daß ich meine Gesten gefrieren ließ.
Die Schwierigkeit war nicht
in der Küche oder den Tulpen,
sondem nur in meinem Kopf, meinem Kopf! (Anne Sexton)
©1996 Bote & Bock, Berlin. Aufführungsrecht vorbehalten. Eigentum für alle Länder: Bote & Bock, Berlin. ISMN M-2025-2100-7.
13 Minuten Selbstmord
Hinreißend: ein Soloabend mit Tabea
Zimmermann im Otto Braun-Saal
Die Bratscher gelten als Ostfriesen des Orchesters. Wenn Tabea Zimmermann spielt, ist das
anders. Dann hängt der Himmel voller Bratschen, dann wird dieses sonst verdrängte
Streichinstrument sogar zum Vorreiter der Avantgarde. Wie Sabine Meyer und Anne-Sophie
Mutter gründete auch Tabea Zimmermann ihre Solokarriere auf einen hohen Anteil
zeitgenössischer Musik, der diesmal ein ganzes Konzert im OttoBraun-Saal vorbehalten war.
Am Anfang und Ende stand das neue Solowerk "Sexton A.", das Helmut Oehring der Bratschistin gewidmet hatte. Getreu seiner Vorliebe für Schockhaftes befaßte er sich hier mit dem Selbstmord der Lyrikerin Anne Sexton. Die Todessekunde weitete er zeitlupenartig auf dreizehn Minuten aus, dreizehn Minuten der Gefährdung, mit fast unhörbaren Flageolett- und Glissandoklängen. Zwei Mal wird die Stille durchbrochen, bis die Bewegung mit Schlägen gegen das Griffbrett verebbt. Nicht zuletzt dank der hervorragenden Solistin, die das Werk noch einmal wiederholte, wurde diese mustergültige Uraufführung zum Publikumserfolg.
In Paul Hindemiths Solosonate op.25/1 konnte Tabea Zimmermann ihre lange aufgestaute Energie ausbrechen lassen. Man staunt, wie ihr kraftvoll seidiger Ton zum elementaren Ausdruck des Melos wird. Eingebettet in die langsamen Sätze, die sie innig spielt wie niemand sonst, war das rasende Zeitmaß des vierten Satzes. Bernd Alois Zimmermann hat viele bessere Werke geschrieben als seine Bratschensonate, die trotz aller Choralzitate eine kurzatmige Zwölftonstudie blieb. György Kurtág dagegen bekannte sich in seinem Frühwerk "Jelek" op.5 zu aphoristischer Kürze. Das Vorbild Weberns verschmilzt in diesen sechs Sätzen, die sich jeweils einer Spieltechnik widmen, mit Bartóks pädagogischem Anspruch. Ob es um Triller-Nuancen oder um die Verbindung von Pizzikato, Doppelgriffen und Glissando ging -jede Geste kam klar heraus.
Nach Pendereckis Cadenza (1984) war die sechssätzige, Tabea Zimmermann gewidmete Bratschensonate von György Ligeti das gewichtigste Werk des Abends. Deren sonorer Klang scheint Ligeti zu ungarisch gefärbter Melancholie verführt zu haben. Nach zwei langsamen Sätzen, die monoman in sich kreisten, brachte ein Lamento Konzentration und Strenge. Der Prestissimo con sordino-Satz wirkte wie eine ungarische Variante von Hindemiths früher Wildheit, mit wirbelndem Bogen in den Bratschenhimmel hochgetragen.
ALBRECHT DÜMLING, Tagespiegel.
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