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Strychnin ist als ein Gift bekannt, das Nervensystem, Muskeln, Kreislauf und Atmung stimulieren kann. doch bei zu hoher Dosierung tödlich wirkt. Es gibt weitere Stücke von Helmut Oehring: "Natriumpentothal" für Gitarre solo (FOXFIRE EINS) zum Beispiel oder "Pancurominbromid" für Bassetthorn solo (FOXFIRE ZWEI), die nach chemischen Stoffen benannt sind, deren todbringende Wirkung speziell für Hinrichtungen benutzt wird. Was veranlaßt einen Komponisten, sich von den herkömmlichen, "neutralen" musikalischen Bezeichnungen abzuwenden und mit naturwissenschaftlichen Begriffen zu arbeiten? In einem Gespräch begründete er seine Haltung mit der Auflehnung gegen den widernatürlichen Gebrauch von Wissenschaft. Das Thema ist um so aktueller in einer Zeit, in der allein schon die "zivilisatorische" Anwendung der sich rasant vervielfachenden Erkenntnisse die Welt in einen fatalen Zustand manövriert hat und die Grenzen für einen qualitativen Umschlag unbestimmt und fließend sind. Das Interesse an der offenbar unheilvollen, aber gleichviel unveränderlichen Verknüpfung von Fortschritt und Weltgeschehen ist den Partituren Oehrings eingeschrieben. Von der Warte gleichsam eines Beobachters zeichnet er darin Prozesse nach, die sich scheinbar zwingend, von inhärenten Energien gesteuert, vollziehen. Mit ihrem distanzierten, vom Ansatz her eher sachlich-wissenschaftlichen als künstlerisch ideologisierenden Zuschnitt sind sie der Gegenpart jeglicher psychologisierenden Darstellungsweise. Als das übergeordnete Thema von STRYCHNIN könnte man das ins Musikalische übertragene Verhältnis von Raum und Zeit benennen, deren ambivalenten Zusammenhang Oehring kompositorisch zu gestalten sucht. Der erste Abschnitt der insgesamt fünfteiligen Komposition, welcher wiederum in sich dreigeteilt ist, stellt in verschiedenen Varianten einzelne Grundtypen raumzeitlicher Beziehungen vor, die im weiteren Verlauf modifiziert werden. So setzt er gleich im ersten Takt kurze und weiträumige (Klavier, Baßstimme) gegen längere und kleinschrittige (Tremolo) Verläufe sowie gehaltene Klänge ohne Raumänderung (Posaune, Kontrabaß); ihnen folgen zeitlich gerasterte Impulsrepetitionen (Kontrabaß, Klavier). Er etabliert damit eine Reihe von Kontrasten, auf die das Spannungspotential des Stückes zurückgeht. Der am Beginn vollzogene Raumaufriß von über fünf Oktaven wird später allmählich verengt und auf vorwiegend tiefe Klangregionen konzentriert. Diese räumliche Verlagerung ist an ein charakteristisches Sekundintervall der Bläser gebunden, das in verschiedenen Abwandlungen die einzelnen Abschnitte der Komposition gliedert, am Ende aber zu einer Oktave eingeebnet wird. Seine zentrale Stellung unterstreicht eine Spielanweisung Oehrings, nach der es zu Beginn des fünften Teils klingen soll, "als würde die Titanic unter einer Kathedrale durchfahren". Der Stückzusammenhang legt nahe, diesen sibyllinischen Satz im Sinne von Kathedrale = Raummetapher und durchfahrende Titanic = Zeitmethapher zu übersetzen. Von all den zeit-räumlichen Angleichungsprozessen, die Posaune, Trompete, Klavier und Kontrabaß durchlaufen, bleibt die gesondert notierte Bratschenstimme unberührt. Sie folgt eigenen Gesetzen: mit individuellem Tempo und eigenen Entwicklungsprozessen, unbeirrt von der zunehmenden, die anfänglichen Kontraste mehr und mehr ausschaltenden Verkoppelung der anderen Instrumente, unbeirrt auch von der damit einhergehenden "Entseelung". |