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Kunst als wurfgeschoß
Wrong ( SCHUAKELN, ESSEN, SAFT)
Eine Gräte im Schlund des Musikbetriebes
Komposition für Kammerensemble, Gebärdensprache und Live-Elektronik von Helmut Oehring Text: Birger Sellin, Helmut Oehring Aufführende: Kammerensemble Neue JWusik Berlin, Leitung Roland Kluttig Gebärdensprache/Lautsprache: Christa Schönfeld a.G. [Technik und Live Elektronik: Torsten Ottersberg
"Wir erreichen bei 'Wrong' eine Verschmelzung von Inhalt, Handlung und Technologie, wie sie zuletzt dem Golfkrieg-Rezipienten vorgeführt wurde. Wir zeigen mit diesem Aufwand in eine Einbahnstraße. Die letzte Ausfahrt liegt weit zurück." Dies sollte eigentlich im Programmheft für eine Aufführung im Berliner Konzerthaus (Schauspielhaus) stehen. Der Veranstalter setzte aber das Grundrecht auf Schutz der Verdrängung mit ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durch. Streichung profaner Sprüche.
Anlage 2 (Empfehlung zur Nachahmung)
Für diese Veranstaltung benötigen wir:
1subventionierte Kultureinrichtung mit Samt-
sesseln oder nicht-knarrenden Klappsitzen
1Komponisten mit geeigneter Komposition
1der Neuen Musik zugewandtes Kammeren
semble
1der Gebärdensprache und Lautsprache
mächtige Darstellerin
1Dirigenten mit Datenhandschuh
1Beschallungssystem nebst echtzeiffähigem Midi-Controller und dazugehöriges technisches Personal und ca. 300 Meter Audiokabel
dazu noch:
Probenraum und -zeit, Netzanschluß und Wer
bung nicht zu vergessen. Gastronomische
Betreuung wegen der anempfohlenen Kürze der
Aufführungen nur für Proben nötig und diese motivierend.
"Wrong" ist eine Komposition, der neben ungewöhnlicher lnstrumentalhandhabung und Verstörungsdramaturgie ein Text unterlegt ist, der in der Zeichensprache von Taubstummen nur gezeigt werden kann. Die Laute, bei der Gebärdensprache unwillkürlich hervorgebracht, werden elektrisch verstärkt und elektronisch bearbeitet. Der Dirigent manipuliert per Datenhandschuh, Ulltraschallsensor und Spezialeffektgerät simultan den Ensembleklang. Das "natürliche" Instrumentarium wird von Klängen ergänzt und kommentiert, die wie Hieroglyphen vergangener das Labyrinth neuzeitlicher Musikkulturen ausleuchten: Jimmy Hendrix als Wegweiser.
Den Musikfreunden, den speziellen Musikpezialisten und der Hörerschaft aus Kulturund Ökoadel war das nicht zuzumuten. Das mußte wirken wie eine multimediale Verschwörung. Im Musikhaus erster Adresse. Ganz nett heut abend. Dabei interessierte uns mehr die Einbahnstraße. Entwurf und Planung der Widersprüche. Kommunikationstechnologie contra Akzeptanz der Inhalte. Wir haben für 15 Minuten 'Wrong" 8 stunden lang aufgebaut, komplexe Strukturen geschaffen, wo kaum etwas zu hören ist, die Musik 111 laut gemacht, wo der Text fast stumm bleibt. Coppola (wer ist Coppola?) wurde bleich, Oehring war in seinem Element.
Wie kriminelle und Kriminalisten im gleichen Metier arbeiten, ist es auch in der Klangbranche mit Komponisten und Musikern. Spannend immer da, wo nicht klar wird,
welche Seite agiert. Wer die Fronten wechselt. Ob das Verbrechen stattfindet.
Den Traum von der gesteuerten Rückkopplung konnten wir uns nicht erfüllen. Es
koppelte die ganze Z~ it über, ohne Steuerung und folgerichtig. Einer war zufrieden,
meinte: Eigendynamik, Materialzwang. "Wrong" ist ein Versuch. E- und U-Musik
bedeuten hier mai nichts. Berührungspunkt ist schonungsloser Umgang mit Live-Elek
tronik, einschließlich aller Unwägbarkeiten und eben nicht Fernsteuerung der Protago-
nisten, wie in Bereichen (und anderen üblich. Überhaupt gleichen sich auffällig beide
Teile unserer, in Ernst und Unterhaltungmgespaltenen Musikkultur in ihren Eigen
schaften, wie gegenseitiger Ignoranz und der verblüffenden Mischung aus Standes
dünkel und Minderwertigkeitskomplexen. Mut ist hier selten anzutreffen, dafür mehr
der Ersatz von Aktion durch Gesten. Die Unterschiede sind schwerer auszuma
chen, mal abgesehen von Zuschauer- und Subventionsmengen. Da fällt schon mehr
die Komplexität des Musikmaterials und die Methode seiner Aneignung auf. Womit wir
beim Bildungshintergrund wären, vor und auf der Bühne. Bildung, Ware, Privileg,
Investition, es läßt sich sagen: Musik für Oben und Musik für Unten und dazwischen.
Ganz einfach und viel zu einfach. Wie vor hundert Jahren.
Nun kann, was heute oben ist, morgen unten und überhaupt alles umgekehrt sein
und Geschmack sich nicht kaufen lassen und Dummheit muß nicht revolutionär sein und das Fehlen von Hemmungen nicht elitär und alles kann Folgen haben, müssen
Unter Berücksichtigung der historischen Kompression der letzten Jahre dieses Jahrhunderts passiert unsere nächste Zusammenarbeit im November und heißt schlicht: IRRENOFFENSIVE.')
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Wrong
SCHAUKELN - ESSEN - SAFT
(aus: Irrenoffensive)
Texte: Helmut Oehring/Birger Sellin
1. Text (GebärdensprachelDGS)
Wolltest Du mir nicht etwas sagen? Wolltest Du mir nicht etwas erzählen? Ich weiß gar nicht mehr, was ich 1)ir erzählen wollte. Ich kann es Ihnen leider nicht sagen. Ich weiß es wirklich nicht. Irren ist menschlich. Du irrst Dich, das habe ich nicht gesagt. Die Angelegenheit wurde damals in der ganzen Stadt besprochen. E5 i5t sehr schade, daß Leute in guten Verhältnissen keine Kinder haben. Die pekuniären Sorgen sind die schlimmsten Sorgen. Wovon erzählst Du? Darf ich zuhören? Ich kann leider sehr schlecht erzählen. Bitte sagen Sie mir Ihren Namen noch einmal, ich habe ihn bei der Vorstellung nicht deutlich verstanden. Es handelt sich um eine schwere Krankheit, der Herr Doktor möchte sofort kommen. Die Ähnlichkeit ist sehr groß. Die Fotografie ist gar nicht ähnlich, ich habe Sie nicht darauf erkannt. Das Bild ist sehr ähnlich.
Ich hätte ihm eine solche Handlungsweise nicht zugetraut. Die Handlungsweise sieht ihm sehr ähnlich. Gefällt Ihnen die Handarbeit? Sie hat eine sehr anstrengende, aber interessante Tätigkeit. Sie arbeitet in einem Laboratorium. Haben Sie Klavierunterricht im Konservatorium? Ist Ihre Schwester lange im Sanatorium gewesen? Was ist die Ursache der Verzögerung? Pünktlichkeit ist eine Höflichkeit der Könige. Es ist merkwürdig, wie schnell man sich etwas angewöhnen kann und wie schwer es ist, sich etwas wieder abzugewöhnen. Haben Sie schon die Genehmigung der Behörde für die Ausführung Ihrer Erfindung bekommen? Haben Sie schon von der Erfindung gehört? Du hast ein scharfes Urteil. Du hast eine sehr spitze Zunge. Du bist parteiisch. Ich bin ganz heiser vom vielen Sprechen. Warum kommst du so seiten? Er hat sich schnell über den Verlust seiner Frau getröstet, zuerst war er ganz verzweifelt. Das Kind zittert aus Angst vor dem Arzt. Hans zittert vor Anstrengung. Er ist verzweifelt. Er kam ganz verzweifelt zu mir. Er zweifelt, ob er sein Ziel erreicht. Verratet Sie nicht mein Geheimnis. Er malt ein Bild. Wann haben Sie Sitzung? Was malst Du augenblicklich? Ob er das Gedicht heute abend deklamieren will? Er geht fort. Er geht an den Teich, um zu rudern. Ob er singt? Ob er sang? Ob er Musikstunden nimmt? Was nahm er fort? Was warf er fort? Er nahm den Stein. Das Stück ist realistisch. Der Zweck beiliegt die Mittel. Das Mittel, was Sie mir gegeben haben, hat sehr gut geholfen. Sie dürfen das Mittel nicht zu oft nehmen, sonst gewöhnt sich der Körper daran und es hilft nicht mehr. Regnet es eigentlich? Sie sehen sehr wohl aus. Sie ist in einer Privatklinik operiert worden. Wo ist die Ohrenklinik? Wo ist das Krankenhaus? Wo ist die Augenklinik? Ich habe ein Luftkissen für die Reise gekauft.
(H.Oe.)
2. Text (Lautsprache)
ich dichte jetzt ein lied über die freude am sprechen
ein lied für stumme autisten zu singen in anstalten und
irrenhäusern
nägel in astgabein sind die Instrumente
ich singe aus der tiefe der hölle und rufe
alle stummen dieser weit
erklärt den gesang zu eurem lied
taut die eisigen mauern auf
und wehrt euch ausgestoßen zu werden
wir wollen eine neue generation der stummen sein
eine schar mit gesängen und neuen liedern
wie es die redenden noch nicht vernommen haben
unter allen dichtern fand ich keinen stummen
so wollen wir die ersten sein
und unüberhörbar ist unser gesang
ich dichte für meine stummen schwestern
für meine stummen brüder
uns soll man hören und einen platz geben wo wir unter
euch allen wohnen dürfen
in einem leben dieser gesellschaft
Birger Seilin am 21.9.1992
ich will kein irirriit-li iriehr sein botschaften aus einem autistischen kerker
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer &
Witsch, Köln
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