helmutoehring - HOME
go to works

Last update: 02 July 2005

Go to ... ensemble without voices

Nr. 2 (aus: Koma) (1992)
Rapid-Eye-Movement
Version for 15 instruments
cl, ssax, bn, hn, trbn, btuba, 2 perc,
2 elec. gtr with volume pedal, 2 vla, 2 vlc, db
FP: 1993 Berlin/Konzerthaus
Kammerensemble Neue Musik Berlin
cond. Roland Kluttig
duration: 25'

© Hagen Klennert

Rapid-Eye-Movement

Der Titel KOMA bezieht sich auf die Übersetzung aus dem Griechischen: tiefer Schlaf.
Der Begriff verliert dabei aber nicht die Last seiner jedermann geläufigen Bedeutung.


Nahezu alle Säugetiere träumen etwa im Neunzig-Minutenrhythmus vier bis fünf Mal pro Nacht. Dieser Schlaf-Bewußtseinszustand, der durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet ist, wird Rapid-Eye-Movement-Schlaf genannt.

(HOe)


Wie das griechische Titelwort andeutet, handelt es sich um eine imaginär aus erschöpftem Schlaf geborene Musik, die jedoch keine improvisatorischen Freiräume kennt, sondern in überscharfer Konzentriertheit ein aufs äußerste verfeinertes Klangspektrum in gleichermaßen erstarrter und eruptiver Bewegung, in minutiös verwobenen Farben und Rhythmen entfaltet. Es herrscht eine erstaunliche Intensität des Diskurses zwischen den instrumentalen Stimmen und ihren teils heftigen, teils fragilen Impulsen, die sich wie in einem Geistergespräch aus tief-gründigem Schattenreich der Klangwelt zuspielen.

Frank Schneider



Es gibt Werke von Komponisten, bei denen sich unglaublich viele Möglichkeiten auftun, eine Sache gut und richtig zu spielen. Und dann gibt es Stücke anderer Komponisten - das sind weniger und hat nichts mit der Qualität der Musik zu tun - wozu ich Oehrings Kompositionen zähle, da gibt es nur eine einzige Möglichkeit, die Partitur adäquat zu interpretieren.

Muskelzuckungen, Atemgeräusche, Stammeln, Lallen, völlige Stile, in der nur noch Augenbewegungen oder Angst im Bauch zu hören sind. Diese Musik zeichnet präzis solche oder andere körperliche seelisch Ereignisse auf. Die Möglichkeiten der Notenschrift scheitern oft an dieser gestischen Genauigkeit. Ich muß die Bewegungen, die das Lesen in mir auslöst, genauestens wahrnehmen und in Klang übersetzen. Worte helfen dabei kaum. Hier spricht das, was am Tag nie zu Wort kommt und nachts in den Muskelbewegungen und Träumen erzählt wird. Das Spielen dieser Musik macht jedoch nicht schläfrig. Die Wahrnehmung wird immer schärfer. Das kann ungeheuer lustvoll und elektrisierend sein. Diese Musik liegt nicht im KOMA, sie ist bei höchstem Bewußtsein. Hier versucht jemand, das auszusprechen, was ins KOMA verbannt ist. Im KOMA liegt die Welt, in der Gespräche dieser Klarheit so schwer möglich sind. In dieser Musik kann ich in ein solch intensiven Kontakt mit mir und dem Komponisten treten. KOMA ist auch der Ort, an dem dieses Gespräch stattfinden kann.

Roland Kluttig

go to top