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Nachrichten : Medien |
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3.12.2001 |
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Schadt schaut in diese Stadt
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| "Berlin. Sinfonie einer Großstadt": Aus 600 Schnitten
entstehen 75 Filmminuten - ein virtueller 24-Stunden-Tag
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| Joachim Huber |
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wir mal alles beiseite. "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt",
das große Vorbild des Walter Ruttmann von 1927. Zwei Millionen
Mark, das große Budget für einen Dokumentarfilm. 103 Drehtage,
die große Zeitspanne für eine Fernsehproduktion. Schauen wir
uns nur die ersten 25 Minuten von "Berlin. Sinfonie einer
Großstadt" an.
Thomas Schadt heißt der Autor, der auch
Kameramann und Regisseur ist. Wir sehen ein Feuerwerk auf dem
Gendarmenmarkt, ein Engel ragt ins rauchige Bild. Wir
beobachten Menschen-Silhouetten, wir folgen der Kamera in den
Techno-Tempel. Dann werden Brote gebacken, Zeitungen gedruckt,
eine Stadt kommt aus ihrer Nacht in ihren Tag hinein. Berlin.
Schadt startet mit Wucht, sehr intensiv arbeitet er an der
Überwindung zweier Erwartungshaltungen: Der Berliner hat
seinen eigenen Berlin-Film im Kopf, der Cineast-Berliner kennt
zusätzlich den Ruttmann-Film.
"Berlin. Sinfonie einer
Großstadt" ist der Berlin-Entwurf des Thomas Schadt im Jahr
2001. Beinahe 600 Schnitte werden auf 75 Filmminuten verteilt.
Wem Schadt knapp ein Drittel des Werkes im Rohschnitt
vorgeführt hat, der erfährt, dass der produktive und gerühmte
Dokumentarfilmer ("Der Kandidat", "Hauptstadtzeitung") bei der
Vorstellung des Projektes im Mai den Mund nicht zu voll
genommen hatte. Berlin solle sich darstellen als "eine
ehrliche, keine schöne Stadt. Wir drehen keinen lieblichen
Film", hatte Schadt gesagt. Die Hauptstadt kommt bei ihm als
eine große Stadt mit großer Kraft heraus.
Den
virtuellen 24-Stunden-Sommertag, den Schadt über die Stadt
zieht, der wird an sechs Stellen historisch punktiert.
Historisch, das klingt nach Archivalien, szenischer
Rekonstruktion, nach Augenzeugen im Halbschatten und
Ohrenzeugen im Lehnstuhl. Schadt hat beides nicht. Er zeigt
nur gegenwärtiges Berlin, er findet Geschichte in den
NS-Skulpturen des Reichssportfeldes, er kombiniert den
amtierenden Bundestag mit seinem Reichstags-Gehäuse. Schadts
Film ist ein Schwarz-Weiß-Film und ein Stummfilm, nur
sinfonisch begleitet von der Zwölfton-Musik, die Iris ter
Schiphorst und Helmut Oehring geschrieben haben.
Ein
Stummfilm schafft Probleme. Menschen, die ihre Lippen bewegen,
erzeugen beim Zuschauer das Bedürfnis, zu erfahren, was sie
sagen. Der Filmautor weiß um diesen Wunsch - und er umgeht
ihn. Sprechende Menschen kommen kaum vor. Seine Berliner reden
nicht. Sie gehen, stehen, bewegen sich. "Berlin. Sinfonie
einer Großstadt" wird darüber kein "Ameisen-Film", keine
Draufschau auf die putzigen Großstädter im Wuselschritt.
Wartet Berlin gar auf den Film? Mehrere hundert
Drehgenehmigungen konnte das Team um Schadt ohne Probleme
einholen. Nur beim Pokal-Endspiel, für den Dachbereich des
Adlon und bei der Berlinale-Eröffnung gab es Absagen oder die
unmissverständliche Bitte von Moritz de Hadeln, den Saal der
Berlinale-Pressekonferenz zu verlassen.
Der Film
arbeitet auf einer Augenhöhe zwischen Beobachter und
Beobachteten. Und noch eine Furcht darf genommen werden: dass
dieser Berlin-Film statisch, staatstragend, das offiziöse
Manifest des Berliner Fremdenverkehrsamtes ist. Die
Wirklichkeit dieser Stadt, Poesie, Ironie, Härte: Da laufen
Riesenhunde, die wahren regierenden Bürgermeister von Berlin,
an einem kleinen Hundesalon vorbei. Es tobt der Verkehr, und
inmitten wässert ein Straßenbauer mit Eleganz und Bierruhe
frisch verlegten Asphalt. Polizisten schaffen einen
Betrunkenen aus der Grünanlage. Hotel Adlon: weißer Gast,
schwarzer Portier. Snobbish German Open. 600 Schnitte Berlin,
und jede Sequenz muss für ein Stück Berlin stehen
können.
Schadt sagt, er hätte diese Stücke bei seinen
Streifzügen aufgelesen, na ja, und ein paar Mal hat er auch
ein bisschen nachgeholfen, wenn die Wirklichkeit nicht das
hergeben wollte, was Schadt herausholen wollte. Doch keine
Sorge: Bilder-Sammler werden an der Spree niemals enttäuscht,
und Bilder-Jäger wie Schadt schon gar nicht. Berlin ist auf
dem Weg zur Hauptstadt, nicht immer, nicht überall,
unbegleitet von vielen. "Berlin pubertiert", sagt Schadt, der
seit 20 Jahren hier lebt. Die junge Stadt suche weiterhin nach
ihrem Bild. Wo Ruttmann 1927 noch an der "Sinfonie der
Großstadt" in der Gewissheit eines starken, auftrumpfenden
Berlins arbeitete, da will Schadt Berlin nur die "Sinfonie
einer Großstadt" zugestehen. Berlin ist kein Modell, vielmehr
eine disparate Stadt, und sie in diesem Aufriss auszustellen,
verlangt große formale Strenge.
Schadts Werk verzichtet
auf eine Vielfalt der Mittel. Keine Überblendung nirgends. Der
Film-Plan ist so sublim kalkuliert, dass zuerst dieser Plan im
Verborgenen bleibt. Aber wer zwei Mal hinschaut, der merkt,
dass Schadt den Morgen ganz anders ins Bild setzt als den
Mittag und die Nacht. Eine Zwölfton-Sinfonie? Solche Musik
bringt manchen Schauder auf den Rücken. Die Partitur von ter
Schiphorst und Oehring schmiegt sich wie ein tonales Drehbuch
an, wobei ihre Musik mehr akzentuiert als illustriert, wie den
türkischen Markt am Maybachufer mit vertraut-verfremdeten
Tönen. "Berlin. Sinfonie einer Großstadt": Freuen Sie sich
darauf. Überprüfen Sie Ihr Berlin-Bild im Klischee und
Antiklischee des Thomas Schadt. Am 10. April wird im
Konzerthaus am Gendarmenmarkt zur Welturaufführung gebeten.
Thomas Schadt heißt der Filmvorführer, und das
Sinfonieorchester des Südwestrundfunks wird in
Mannschaftsstärke spielen. |
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