Sie muß auf dieser Fahrt etwas empfunden haben, das sein könnte eine Mischung aus Ahnung, was das ist, Freiheit, und dass es möglich ist, sich frei zu fühlen, es in gewissem Maße auch zu sein und trotzdem einen Partner zu haben, der einem, ohne wirklich etwas zu besitzen, das Gefühl von Geborgenheit gab, eine Art Geborgenheit, die absolut frei ist von Zwängen.

(Rainer Werner Fassbinder)

Textmaterial
zu
Helmut Oehring
BlauWaldDorf
weit-aus-ein-ander liegende Tage
eine musiktheatralische OrtSuche
für 3 gehörlose Gebärdensolistinnen,
Bariton, Bass, Solo E-Gitarre, Chor, Orchester
und Live-Elektronik

nach Texten von Hans Christian Andersen und Helmut Oehring
sowie aus Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans, Claudio Monteverdi/ Ottavio Rinuccini: Lamento d’Arianna; Thomas Morus: Utopia; Johann Sebastian Bach BWV 21 und Psalm 69

Idee / Musik: Helmut Oehring
Surround-Sound Konzeption und Produktion: Torsten Ottersberg / GOGH s.m.p.
Dramaturgisch-künstlerische Mitarbeit: Daniel Kötter

Komponiert im Auftrag von theater Aachen. Stadttheater und Musikdirektion Aachen
Uraufführung: 27.April 2002, theater Aachen
Musikalische Leitung: Jeremy Hulin
Orchester und Chor der Stadt Aachen
Inszenierung: Claus Guth
Ausstattung: Christian Schmidt


Aufführungsdauer: ca. 65 Minuten


kursiv: H.C. Andersen: Die kleine Seejungfer
kursiv und unterstrichen: H.C. Andersen: Die Schneekönigin
rechtsbündig: Originaltexte Helmut Oehring
weitere Quellenangaben siehe im Anhang

Textmaterial ausgewählt und zusammengestellt von Daniel Kötter



1. Der Ort- Das BlauWaldDorf

In den Träumen durchdringen einander die verschiedenen Wohnungen unseres Lebens und hüten die Schätze der alten Tage. Wenn im neuen Hause die Erinnerungen der alten Wohnungen wieder aufleben, reisen wir im Lande der unbeweglichen Kindheit, unbeweglich wie das Unvordenkliche.
(Bachelard, Seite 32)

WEIZENGRUNDMUTTERMEERDORF
RUHEDORFMENSCHEN

Drinnen in der großen Stadt, wo so viele Häuser und Menschen sind, dass dort nicht Platz genug bleibt, dass alle Leute einen kleinen Garten haben können, und wo sich deshalb die meisten mit Blumen in Töpfen begnügen müssen, da waren doch zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten als einen Blumentopf besaßen.

VOM BLAUMEER UND WARMSONNE
ACH, WASSERORDNUNG

Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau, wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas; aber es ist sehr tief, tiefer als irgendein Ankertau reicht; viele Kirchtürme müssen übereinandergestellt werden, um vom Boden bis oben über das Wasser zu reichen.

2. BlikStille1 – SehnSucht

ATLANTASIJA
SEHNSUCHTZUNGE

Es gab keine größere Freude für sie als von der Menschenwelt da oben zu hören.
„Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr erreicht habt“, sagte die Großmutter, „so sollt ihr Erlaubnis erhalten, aus dem Meere emporzutauchen, im Mondschein auf den Klippen zu sitzen und die großen Schiffe zu sehen, die vorbeisegeln; Wälder und Städte sollt ihr dann erblicken.“

VERLORENWASSER
MAGISCHER ORT
gebunden an ZEIT
ein Vorrat an WÜNSCHEN
kein SUCHEN

Keine war so sehnsuchtsvoll wie die Jüngste, gerade sie, die noch die längste Zeit zu warten hatte und die so still und gedankenverloren war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen schlugen. Mond und Sterne konnte sie sehen; freilich schienen sie ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie viel größer aus als für unsere Augen.

Wenn die Schwestern so des Abends Arm in Arm hoch aufstiegen durch das Meer, da blieb die kleine Schwester ganz allein zurück und sah ihnen nach, und es war, als ob sie weinen müsste.

ausschließliches BEGEGNEN
der RAUM des BEGEHRENS

3. DazwischenOrt: MenschenWelt und MeeresWelt

ein LABYRINT
NICHT erfüllung des VER - SPRECHENS

Besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff barst, niedersinken in die tiefe See.
Sogleich wurde sie ganz vergnügt, denn nun kam er hinab zu ihr. Da aber erinnerte sie sich, dass die Menschen nicht im Wasser leben können und dass er nicht anders als tot zu ihres Vaters Schloß herniedergelangen konnte. Nein, sterben , das durfte er nicht.

WEIZENGRUNDMUTTERMEERORT
Sturmlos
ORT

Er hätte sterben müssen, wäre nicht die kleine Seejungfrau hinzugekommen. Sie hielt seinen Kopf hoch übers Wasser und ließ sich so mit ihm von den Wogen treiben, wohin sie wollten.

EINSAMSTILLER GLÜCKLICHTIEFMEERTAUCHER IN DEINEM SEINSWASSER
DU BLAUORTMILDE

Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen!

MEINLEBEN
ich würde
WÜRDEDICH
den GANZESjaWELT
schenken

4. a) Angst und Überwindung – Der Ort

Die Insel Utopia erstreckt sich in der Mitte – wo sie am breitesten ist – 200 Meilen weit, eine Breite, die durch die ganze Insel nur schmäler wird, und nimmt gegen die beiden Enden zu allmählich ab. Das ergibt einen Umfang von fünfhundert Meilen, bei der Gestalt des zunehmenden Mondes, den die ganze Insel hat. Zwischen dessen Hörnern bildet das Meer eine etwa zehn bis elf Meilen breite Seebucht, die, da die Umgebung rings Land ist, die Winde abhält und wie ein nicht heftig bewegter, sondern mehr stagnierender See erscheint, wodurch der ganze Raum innerhalb dieses Beckens als eine Art Hafen sich darstellt, in dem zum großen Nutzen der Bewohner Schiffe nach allen Richtungen verkehren.
(Thomas Morus, Utopia, Frankfurt 1992, Seite 93)

Sie flieht der Schwestern fröhliche Gemeinschaft,
die öden Berge sucht sie auf, verlässet
ihr nächtlich Lager vor dem Hahnenruf,
und in der Schreckensstunde, wo der Mensch
sich gern vertraulich an den Menschen schließt,
schleicht sie, gleich dem einsiedlerischen Vogel,
heraus ins graulich düstre Geisterreich
der Nacht, tritt auf den Kreuzweg hin und pflegt
geheime Zwiesprach mit der Luft des Bergs.
Warum erwählt sie immer diesen Ort
und treibt gerade hierher ihre Herde?
(Schiller, Jungfrau von Orleans, Prolog, 2.Auftritt)

MUTMEERLUFTLAUFEN

Den Weg war sie nie zuvor gegangen. Hier wuchsen keine Blumen, kein Seegras; nur der nackte graue Sandboden erstreckte sich hin zu dem Strudel, wo das Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was es erfasste, mit sich in die Tiefe riß.
Mitten zwischen diesen zermalmenden Wirbeln musste sie hindurchschreiten, um in das Gebiet der Meerhexe zu kommen. Die kleine Seejungfer blieb ganz erschreckt davor stehen; ihr Herz klopfte vor Angst. Fast wäre sie wieder umgekehrt; aber da dachte sie an den Prinzen und an die Menschenseele, und da bekam sie Mut.

4. b) Angst und Überwindung – Das FremdWesen

FROSTKÄLTE.
LUFTKALT.
TROCKENGRAUWIND.

Die Schneeflocke wuchs mehr und mehr und wurde zuletzt zu einer vollständigen Frauengestalt, in den feinsten weißen Flor gehüllt, der aus Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war so schön und fein, aber von Eis, von blendendem, blinkendem Eis. Doch war sie lebendig; die Augen blitzten wie zwei klare Sterne, aber es war keine Rast oder Ruhe in ihnen. Sie nickte zum Fenster hinein und winkte mit der Hand. Der kleine Junge erschrak und sprang vom Stuhle herunter; da war es, als ob draußen ein großer Vogel vor dem Fenster vorbeiflöge.

Mitten auf dem Platze war ein Haus, aus den Gebeinen ertrunkener Menschen errichtet; da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Munde essen, gleichwie die Menschen einen kleinen Kanarienvogel Zucker picken lassen. (...) „Ich weiß schon, was du willst“, sagte die Meerhexe; „es ist zwar dumm von dir, doch sollst du deinen Willen haben; aber er wird dich ins Unglück bringen, meine schöne Prinzessin.“


4. c) Angst und Überwindung – Das Opfer / Der Riss

Du behältst deinen schwebenden Gang; keine Tänzerin kann schweben wie du;
aber jeder Schritt den du machst, ist, als ob du auf scharfe Messer trätest,
als ob dein Blut fließen müsste.

ERDKÖRPERLICHT
es gibt immer ein OPFERVERLIEREN

Aber bedenke, sagte die Hexe, wenn du erst menschliche Gestalt erhalten hast, so kannst du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie mehr niedersteigen durch das Wasser zu deinen Schwestern und zu deines Vaters Schloß.

nie ER - FINDEN
allein VOR-FINDEN
BE-WAHREN

Du hast die schönste Stimme von allen hier unten am Meeresgrund;(...) Aber diese Stimme sollst du mir geben! Das beste, was du besitzest, will ich für meinen kostbaren Trank haben.

SPRACHPuderGESTALTEN
DER ORT/DAS OPFER

„Ja!“ sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme und dachte an den Prinzen und daran, eine unsterbliche Seele zu gewinnen.
„Ich will es!“ sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie eine Tote.
„Es geschehe!“ sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe setzte ihren Kessel auf,
um den Zaubertrank zu kochen.

„Au! Es ging mir wie ein Stich durchs Herz! Und jetzt ist mir etwas ins Auge geflogen!“ (...) Es war gerade so einer von jenen Glassplittern, die von dem Spiegel gesprungen waren, dem Zauberspiegel (...) Der arme Kay! Er hatte auch so ein Körnchen gerade ins Herz bekommen. Das wird nun bald wie ein Eisklumpen werden.

Und es war ihr, als nickten die Wellen so sonderbar; da nahm sie ihre roten Schuhe, das Liebste, was sie hatte; und warf sie alle beide in den Fluß hinein. Aber sie fielen dicht ans Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie gleich wieder an das Land zu ihr; es war gerade, als wollte der Fluß das Liebste, was sie hatte, nicht nehmen, weil er den kleinen Kay ja nicht hatte.

5. Der Ort – HeimWeh

Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen; die Lichter in dem großen Tanzsaal waren erloschen. Sie schliefen sicher alle darinnen; aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, nun sie stumm war und sie für immer verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Kummer zerspringen sollte. Sie schlich sich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeet ihrer Schwestern, warf mit den Fingern tausend Küsse dem Schlosse zu und stieg durch die dunkelblaue See empor.

VERLORENTIEFGRUNDORTMEERSEE

Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften,
Ihr traulich stillen Täler, lebet wohl!
Ihr Wiesen die ich wässerte! Ihr Bäume,
die ich gepflanzet, grünet fröhlich fort!
Lebt wohl, ihr Grotten und ihr kühlen Brunnen!
Ihr Plätze alle meiner stillen Freuden,
Euch laß ich hinter mir auf immerdar!
Zerstreuet Euch ihr Lämmer auf der Heiden!
Ihr seid jetzt eine hirtenlose Schar,
denn eine andre Herde muß ich weiden
Dort auf dem blutgen Felde der Gefahr.
(Schiller, Johanna von Orleans, Prolog, 4.Auftritt)

und ich werde euch nicht wieder sehen, o Mutter, o mein Vater.
(Monteverdi/Rinuccini: Lamento d’Arianna)

Es war noch ganz früh, sie küsste die alte Großmutter, die noch schlief, zog die roten Schuhe an und ging ganz allein aus dem Stadttor nach dem Flusse.

6. In der Ferne: FremdSein – Nähe

Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz. Aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz; er heftete seine kohlschwarzen Augen auf sie, so dass sie die ihren niederschlug und sah, dass ihr Fischschwanz fort war und dass sie die niedlichsten kleinen Füße hatte, die nur ein junges Mädchen haben kann; aber sie war ganz nackt; darum hüllte sie sich in ihr dichtes, langes Haar. (..) An des Prinzen Hand stieg sie so leicht, wie eine Seifenblase; und er so wie alle anderen wunderten sich über ihren anmutigen, schwebenden Gang.

OH, SCHÖNES WALDSCHNEE
STUMMSTILL BLAUSCHNEE

„Aber wer wird denn frieren? Krieche in meinen Bärenpelz!“ Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; das war, als versänke er in einem Schneetreiben. „Frierst du noch?“ fragte sie und küsste ihn auf die Stirn. Oh! Das war kälter als Eis; das ging ihm gleich bis ins Herz, das ja schon ein Eisklumpen war. Es war, als sollte er sterben; - aber nur einen Augenblick, dann tat es ihm wohl, er spürte nichts mehr von der Kälte ringsumher.

Dann nahm sie Gerda bei der Hand; sie gingen in das kleine Haus, und die alte Frau schloß die Türe zu. (...) „Nach einem so süßen, kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt,“ sagte die Alte. „Nun sollst du sehen, wie gut wir zwei miteinander auskommen werden!“

Deine
SONNENFINGER
STILLDÜNN
MeinRuhenachtSonne
INDIRDeinINMICHSEIN

Da schien es ihm, als wäre es doch nicht genug, was er wisse, und er blickte hinauf in den großen, großen Luftraum; und sie flog mit ihm, flog hoch hinauf in die schwarze Wolke, und der Schnee sauste und brauste, es war als sänge er alte Lieder.

AUGENtauchen im
MANGOWIESEN
FICHTENMEER

7. DazwischenOrt: Das MischWesen

Da erhob die kleine Seejungfrau ihre schönen weißen Arme, richtete sich auf die Zehenspitzen und schwebte über den Fußboden, wie noch keine getanzt hatte.

Oh, er sollte nur wissen, dass ich, um bei ihm zu sein, meine Stimme für alle Ewigkeit dahingegeben habe.

Die schreckliche Stille, die sich ...auf dramatische Weise zuspitzt, ist die Stille der Natur, bevor es den Menschen und seine Sprache gab, als das Körperliche noch allein göttlich war.
(J.C.Oates)

8. BlikStille - AugenSprache

Look into my eyes
It‘s the only way you‘ll know
I‘m telling the truth
(Radiohead Knives out)

TAUZEICHEN AUF LICHTHAUT
AUGENSCHEUZUNGEN

Atemkindhöhle
ÜBERDICH
ALSMEIN

Du gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher niemals wieder finde.
Ich war auf einem Schiff, das strandete, die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel ans Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten. Die jüngste dort fand mich und rettete mein Leben. Ich sah sie nur zweimal; sie wäre die einzige, die ich in dieser Welt lieben könnte. Aber du gleichst ihr, du verdrängst fast ihr Bild aus meiner Seele.

There is a girl here and she is almost you
All the things, that you promised with your eyes
I see in hers too
Now you’re eyes are red from crying
(Elvis Costello/ Chet Baker: Almost Blue)

VERLORENWASSER
MAGISCHER ORT
gebunden an ZEIT

Da zitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, dass er ihnen aus den Händen fiel und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Und nun verursachte er weit größeres Unglück als zuvor; denn einige Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und diese flogen ringsumher in der weiten Welt, und wo jemand sie ins Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen alles verkehrt oder hatten nur Augen für das, was bei einer Sache falsch war; denn jeder kleine Spiegelsplitter behielt dieselbe Kraft, die der ganze Spiegel besessen hatte. Einige Menschen bekamen sogar einen Splitter ins Herz, und dann war es ganz entsetzlich; das Herz wurde förmlich wie ein Eisklumpen.

Vieles von dem, was da vor sich geht, geschieht so schnell und mit solch atemberaubender Subtilität, daß der Zuschauer es zwar nicht aufnehmen kann, aber trotzdem weiß, daß es entscheidend ist und in einem Bereich geschieht, der jenseits von Worten liegt.
(J.C.Oates)

9. Der ZwischenOrt: Leben – Tod

„Du wirst dich über mein Glück freuen; denn du meinst es am besten mit mir von ihnen allen!“ Und die kleine Seejungfer küsste seine Hand; und es kam ihr vor, als fühle sie schon ihr Herz brechen. Sein Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem Meere verwandeln.

VIELRUHETIEFSCHWARZ

Wende dich um, mein Theseus,
Wende dich um Theseus, O Gott,
Wende dich zurück, diejenige noch einmal anzublicken,
die für dich Heimat und Herrschaft aufgegeben hat
und nun an dieser Stätte,
Opfer erbarmungsloser, grausamer Bestien,
ihr Gebein wird lassen müssen.
(Monteverdi/ Rinuccini: Lamento d’Arianna)

Es wurde still und ruhig auf dem Schiff; nur der Steuermann stand am Steuerruder:
Die kleine Seejungfer legte ihren weißen Arm auf den Schiffsbord und blickte gen Osten nach der Morgenröte; der erste Sonnenstrahl, wusste sie, würde sie töten.
Beeile dich! Er oder du musst sterben, ehe die Sonne aufgeht!

Ihr Wolken, ihr Wirbelstürme, ihr Winde,
Versenkt ihn in den Fluten,
eilt, ihr Meeresungeheuer und Wale,
und füllt mit seinem verderbten Gebein
den tiefen Meeresschlund!
Was sage ich, ach, was phantasiere ich?
Ich Elende, weh, was verlange ich?
O Theseus, o mein Theseus,
nicht ich war es,
die diese heftigen Worte sprach;
es sprach mein Kummer, es sprach der Schmerz,
es sprach die Zunge, ja, doch nicht mein Herz.
(Monteverdi/ Rinuccini: Lamento d’Arianna)

OrtOpfer/Brückenlichtkinderschwarz
SCHMALGRATSEIN

Wenn eine Frau im Regen steht und weint, dann hat sie der Geliebte verlassen. Und - er hat sie verlassen, weil sie es nicht geschafft hat, ihn an sich zu fesseln. Es ist schon eine Anstrengung dabei, bei der Liebe, das ist eben so.
(Fassbinder, Seite 25)

VERLORENGEBURT

Laßt mich sterben,
Wer sollte mich trösten,
in so hartem Schicksal
in so großem Kummer
Laßt mich sterben.
(Monteverdi/ Rinuccini: Lamento d’Arianna)

Noch einmal sah sie mit halbgebrochenem Blick auf den Prinzen, dann stürzte sie sich vom Schiffe in das Meer hinab, und sie fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.

In seinen intensivsten Momenten ist es so ein ungebrochenes und so machtvolles Bild des Lebens - seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit, seines unberechenbaren und oft selbstzerstörerischen Muts -, daß es das Leben selbst ist...wir sind erschütterte Zeugen einer Kommunion des Körpers mit sich selbst – die über den Leib....erfolgt. Es ist die Zwiesprache des Körpers mit seinem Schatten - dem Tod.
(J.C.Oates)

10. Der Ort ist nicht der Ort – Aurora

DUORT

Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf; die Strahlen fielen so mild und warm auf den todtkalten Meeresschaum, und die kleine Seejungfer fühlte nichts vom Tode.

WELTglockenSONNENwindFINGER
hauchrindenkehle

da sah sie Kay; sie erkannte ihn; sie flog ihm um den Hals, hielt ihn so fest und rief: „Kay! Süßer kleiner Kay! So habe ich dich endlich gefunden!“ Aber er saß ganz stille steif und kalt.-

Keine Utopie ist eine. Und – die Vorstellung von einer schönen Liebe ist eine schöne
Vorstellung, aber die meisten Zimmer haben vier Wände, die meisten Straßen sind gepflastert, und zum Atmen brauchst du Luft.
(Fassbinder, Seite 25)

Und die kleine Seejungfrau erhob ihre lichten Arme zu Gottes Sonne, und zum erstenmal fühlte sie Tränen in ihren Augen. –

WEINENWEIDE

I want you to know
He‘s not coming back
He‘s bloated and frozen
Still there‘s no point in letting it go to waste
(Radiohead, Knives out)

RUHEKREISDORFMEERSITZEN
ausschließliches BEGEGNEN
RAUM des BEGEHRENS
NICHT erfüllung des VER - SPRECHENS

Epilog

Und ich bin froh über die fraglosen Augenblicke,
fraglose Augenblicke, die nicht jede Geste in ein zukünftiges Verhältnis zu setzen versucht.
Bleib sehr gesund.
Es war ein langer Winter hoffentlich.
Reut es dich nicht.
Unter der Berücksichtigung der historischen Kompression der letzten Jahre dieses Jahrtausends.
Bitte schreibt mir Antwort ja. Es wird eine Fälschung sein; ein verwickelter Fall.

Und ich bin immer traurig. Aber ich weiß es gar nicht. Gestern warte ich lange.
Aber ich weiß es gar nicht. Bleib sehr gesund. Auf den ersten Blick nicht die Gebärdensprache, man hat das Gefühl, man kann.
Man kann ganz schnell. Wieviel Grad Kälte haben wir? Es sind fünf Grad Kälte.
Sie sind ein stilles Wasser. Habe ich recht?
Sie lieben die Unschuld. Aber ich kann diesmal nicht mitkommen.
Er war gesund. Das Kind ist gestorben. Er hat alles schnell begriffen. Er bleibt versunken.
(aus: Helmut Oehring, Dokumentation I, Kammeroper, Verlag Boosey & Hawkes)

Quellen

- Andersen, H.C.: Die kleine Seejungfer/ Die Schneekönigin, aus: Schaffsteins Blaue Bändchen, 1926
- Bachelard, Gaston: Poetik des Raumes. Frankfurt/Main 1987
- Chet Baker/ Elvis Costello: Almost Blue
- Radiohead: Knives Out, aus dem Album Amnesiac
- Monteverdi, Claudio/ Rinuccini, Ottavio: Lamento d’Arianna
- Oates, Joyce Carol: Über Boxen, Zürich, 1988
- Fassbinder, Rainer Werner: Filme befreien den Kopf. Essays und Arbeitsnotizen, Frankfurt/ Main, 1984
- Schiller, Friedrich: Die Jungfrau von Orleans, diverse Ausgaben
- Morus, Thomas: Utopia. Frankfurt 1992
- Oehring, Helmut: Dokumentation I, Kammeroper, Verlag Boosey & Hawkes

__________________________________________

1 Blikstille (dän.)= Windstille; Stille des Blicks, Unbewegtheit für den Blick

Ó der Texte von Helmut Oehring: Helmut Oehring
Ó der Textzusammenstellung: Daniel Kötter

Helmut Oehring
Berlin/Germany
oehring@snafu.de
Phone +49-30-4419395
Fax +49-30-4409465
www.helmutoehring.de

Daniel Kötter
Bornholmer Straße 4
10439 Berlin
Phone +49-30-44653193
mobil +49-179-4744478
dkoetter@web.de

Verlag
Boosey & Hawkes/ Bote & Bock
Musikverlage Benjamin
Music Publishers
Promotion Dept.
Lützowufer 26
10787 Berlin
e-mail: musikverlag@boosey.com
www.boosey.com