Aachener Nachrichten - Kultur
28. April 2002

BLAUWALDDORF im Theater Aachen: Fantastischer Opernabend

Stummheit übertönt die Musik

Aachen (an-o).

Helmuth Oehring ist und bleibt ein Phänomen. Selbst wer die erstaunliche Karriere des Ost-Berliner Komponisten seit der Wende aufmerksam verfolgte und seine fünf Musiktheater-Werke kennt, gerät angesichts der Uraufführung seines neuesten Stücks ins Staunen.

"BlauWaldDorf" heißt das 70-minütige Werk, das das Aachener Theater jetzt in einer vorbildlichen Produktion herausbrachte. So verströmt Oehrings Musik noch immer die unroutinierte Frische, mit der sie 1990 im Westen rasch Aufmerksamkeit erweckte.

Und die Verknüpfung von Gesang, gesprochenem Wort und Gebärdensprache - für den Sohn taubstummer Eltern unverzichtbare Ingredienz seiner Musik, für ein hörendes Publikum jedoch leicht exotisch anmutend - gewinnt zunehmend an Klarheit und Verständlichkeit, wobei sie den Geruch des ganz Außergewöhnlichen allmählich verliert.

Annäherung zweier Welten

Polarisierte Oehring noch vor vier Jahren in Bonn in seinem Stück "Sieben" die Welten der Taubstummen und der Hörenden als unüberwindliche Gegensätze, kommt es in "BlauWaldDorf" zu einer Annäherung, in der die Darstellungskraft der Gebärdensprache so anschaulich und körperhaft zum Ausdruck kommt, dass sie in ihrer sinnlichen Unmittelbarkeit ähnlich faszinieren kann wie das gesprochene, gesungene oder getanzte Wort. Der Erfolg hängt dabei von der Mitwirkung Bühnen-erfahrener Gebärdenschauspieler ab. Die hat Oehring in dem überragenden Trio von Christina Schönfeld, Gerlinde Deml und Heike Lüdecke gefunden. Und es gehört zu den Glücksgriffen des Aachener Intendanten Paul Esterhazy, diese Oehring-Spezialistinnen für die vorbildliche Aachener Produktion gewonnen zu haben.

Märchen als roter Faden

Wenn Christina Schönfeld die von Monteverdis Klage der Ariadne durchzogenen Intermezzi mit der ganzen Ausdruckskraft ihres Körpers kommentiert, scheint sie trotz ihrer Stummheit die Musik zu übertönen.Diesem Zugewinn an gestischer Klarheit gesellt sich eine überschaubarere dramaturgische Anlage des Librettos. Zwar montiert Oehring auch hier Texte aus verschiedenen Quellen, doch bleibt als roter Faden das Märchen der "Kleinen Seejungfrau" von Hans Christian Andersen greifbar. Und die Verknüpfungen mit Textausschnitten von Schiller, Morus und Oehring steht dem Verständnis nicht im Wege. Auch nicht die Einschübe musikalisch faszinierend modulierter Teile der Monteverdi-Klage, die die Verfassung einer verlassenen, einsamen, sich selbst aufgeopferten Frau vertiefend reflektieren.

Die Seejungfrau, die sich einem Prinzen zuliebe in einen Menschen verwandelt, dabei die Sprache verliert und sich nur unter Schmerzen bewegen kann, bevor sie von dem Mann verlassen wird, stellt das Damen-Terzett dar, den Mann gestalten (vorzüglich) singend Hans Lydman und Claudius Muth.

Die psychischen Regungen des von Schmerzen und Freuden durchglühten Mädchens bieten in den virtuosen Darstellungen der Gebärdenschauspielerinnen einen scharfen Kontrast zu den eher starren Beiträgen des hartherzigen Manns. Dabei bleibt die Geschichte so nachvollziehbar wie bei einem Tanzstück, zudem auch mit Spruchbändern und Texteinblendungen Verständnishilfe gelistet wird.

Musikalisch überrascht die ungebrochene Spielfreude der elektronisch verfeinerten Partitur, obwohl sich Oehring weitgehend der üblichen Stilmittel der letzten Jahre bedient. Aber so expressiv dicht und andererseits in Tönen von so abgehobener Verlorenheit, dass sich in diesem Stück die musiktheatralischen Talente des Musikers noch konzentrierter niederschlagen als in seinem letzten Werk "Effi Briest". Was er an subtilen klanglichen Raffinessen aus den Monteverdi-Intermezzi zaubert, ist ebenso phänomenal wie der E-Gitarrist Jörg Wilkendorf, der auf seinem Instrument bizarre neue Klangwelten erschließt.

Mit Hingabe und Klasse

Claus Guth, der renommierte, Avantgarde-erfahrene und demnächst in Bayreuth hervortretende Regisseur, nutzt die Chancen, die ihm die außergewöhnlichen Fähigkeiten der drei Gebärdenschauspielerinnen bieten und sorgt für eine packende Darstellung der inneren Katastrophen des traurigen Mädchenschicksals.

Eine spannungsvolle, hoch konzentrierte Personenführung ist garantiert, optisch wird die überwiegend leere Bühne von einer Rolltreppe, die die Meereswelt mit der Erde verbindet, und einem Bett als visionärer Endpunkt der schmerzvollen Lebensreise beherrscht (Ausstattung: Christian Schmidt). Chor und Orchester des Aachener Theaters erfüllen ihre ungewohnten Aufgaben mit Hingabe und Klasse, Jeremy Hulin bringt die Partitur mit einfühlsamer Überlegenheit zum Leuchten.

Ein fantastischer Opernabend.

Pedro Obiera