Süddeutsche Zeitung
13. Mai 2002
Claus Guth inszeniert in Aachen Helmut Oehrings “BlauWaldDorf"
Inseln der Isolation
Weit draußen im Meer, dort, wo das Meervolk wohnt, ist das Wasser blau und klar, aber auch sehr tief, tiefer als irgendein Ankertau reicht. So ungefähr beginnt Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau, die sich nach dem Menschenprinzen sehnt. Das Märchen endet so traurig wie der Abstand zwischen beiden Welten es verheißt. Die Welt auf dem Grunde und jene über der Wasseroberfläche in Helmut Oehrings einstündiger Oper „BlauWaldDorf“, uraufgeführt am Theater Aachen, werden sie zu Chiffren für die getrennten Sphären der Gehörlosen und der Hörenden.
„BlauWaldDorf“ ist ein radikaler Ableger von Luigi Nonos „Tragödie des Hörens“. Das Verschwinden der Texte in der Musik, in einer visionären Tonsprache als „sprachloser Botschaft aus dem Innern“, wie Helmut Lachenmann es formulierte, treibt Oehring auf die Spitze. Zugleich ist es eine Märchenoper, da Oehrings utopische „Kindersehnsucht“ darin nistet, die Fremdheit dieser getrennten Welten zu überwinden. Sie hat der 41jährige Komponist erfahren: Als hörender Sohn gehörloser Eltern begann er erst mit vier Jahren, sprechen zu lernen. Seine Muttersprache ist die Gebärdensprache, und diese ist auch die Muttersprache seiner Musik.
Die „BlauWaldDorf“-Partitur ist eine von Oehrings babylonischen Turmbauten, in denen er Fragmente aufeinanderschichtet: Gebärdenarien- und Ensembles, Laufbandtext, Bandzuspielungen, Solo- und Chorgesang, Orchestermusik, raumgreifende Live-Elektronik. Die Partitur ist abstrakt konstruiert und geführt auf Spuren von Monteverdi, von Rock-Jazz oder Chet Bakers bandeingespielter Ballade „Almost Blue“. Die Aachener Sinfoniker unter Jeremy Hulin, die Gebärdensolisten und Sänger meistern dies alles mit großer Präzision.
Regisseur Claus Guth gelingt mit seinem Ausstatter Christian Schmidt eine märchenhafte Vereinfachung, vor der die komplexe Partitur-Choreographie erst ihre reichen Assoziations-Räume öffnen kann.Vier Stadien durchschreitet der Abend: Sehnsucht der Fischmädchen nach der fremden Welt, Begegnung mit ihr, Versuch der Verständigung, Scheitern. Im ersten wird die Gebärdensprache (das Fremde) für Momente vertraut, das Hören als Sehen begreifbar. Zugleich wird die bedrohlich eindringende „Menschenwelt“ (das Vertraute) fremd. Dann aber, wenn Andersens Seejungfrau ihre Stimme opfern muss, um in die Welt des Prinzen zu gelangen, da zeigt Guth die Opfer einer Anpassung. In grauen Stewardessen-Kostümen mischen sich die Meerfrauen unter eine Small-Talk-Gesellschaft. Die unmittelbare Kraft ihrer Gestik wird domestiziert, schrumpft zum Routinegewedel von Flugbegleiterinnen, die die Sicherheitsmaßnahmen vormachen, und denen keiner mehr zusieht. Der Prinz heiratet eine andere.
Inseln der Isolation, der Verlassenheit, verzweifelter Trauer, Orte verstummter Kommunikation hat Oehring mitten jede seiner vier Stationen gesetzt. Es sind Bearbeitungen von Monteverdis Trauermotiv aus dem „Lamento d‘Arianna“. Christina Schönfeld steht in einem Lichtkegel, und ihre stöhnenden Atemgeräusche machen die gequälte Seele hörbar. Beim letzten Mal wird das Keuchen gefolgt von einer schreienden Stille, ohrenbetäubend. Hellhörig werden für das vermeintlich Stumme, das zum Schweigen gebrachte: Dieses Utopia steigt bei dieser großartig komplexen Aachener Uraufführung eindrucksvoll auf aus dem Meer der Musik.´
SVENJA KLAUCKE