|
|
|
music theatre works |
|
|
|
|
Partiturnoten (6 Beispiele)


Zeichnungen Hagen Klennert (©)
|
|
WOZZECK kehrt zurück (2003/ 2004)
tonschriftliche MOMENTAUFNAHME
in drei Abzügen (12 Kontakten)
in three acts (12 scenes)
text: Georg Büchner, Martin Luther, Theodor Fontane, Helmut Oehring und aus der Offenbarung des Johannes
3 female soloists (sopranos), 3 deaf mute soloists
chorus
solo elec gtr - small orchestra
fl,b-ob,cl,bcl,2 trp,1 hr,1 trb, 1kbtrb, 3 perc
pft/keyboard/celesta strings (2.2.2.2.2.)
live-electronics (GOGH)
FP Sonnabend, 26. Juni 2004
Theater Aachen
Orchestra and Choir of the Theatre Aachen
cond. Jeremy Hulin,
directed by Michael Simon
duration: ca. 85-90'
weitere geplante Aufführungen:
2. (20 Uhr)/14. (20 Uhr)/ 17. (19.30 Uhr)/ 18. (19.30 Uhr)/ 25. (15 Uhr) Juli 2004
Auftragskomposition des theater Aachen
Gefördert vom Kultursekretariat NRW
und vom Ministerium für Städtebau und Wohnen,
Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen
aus dem Fonds Neues Musiktheater
Medienecho:
Aachener Nachrichten, 27.06.2004 | als PDF
|
|
|
Libretto (Anfang) wozzeck_libretto_S1_6 (Stand: 1.8.03)
|
 |
 |
„Kommt, ihr kleinen Krabben! - Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein. “
(Großmutter in Büchners Woyzeck)
|

Theater Aachen |
|

Theater Aachen, Spielzeitheft:
»... tag träume und traum nächte
bilder bewegungen texte personen biographien zumutungen erniedrigungen
ineinander fließen lassen und skalpellartig zerschneiden
neu setzen anders nähen
versehentlich mit absicht falsche schweiß nähte setzen
seitenzahlen vertauschen ...
Selten gelingt es Komponisten, ihre Zeitgenossen schon bei der ersten Begegnung ganz für sich einzunehmen. Und doch hat Helmut Oehring in der vergangenen Spielzeit das Aachener Publikum mit seinem Musiktheater BLAUWALDDORF im Fluge erobert und mit seiner zwischen feinnerviger Neuer Musik und kraftvollem Rock changierenden Partitur nachhaltig beeindruckt. Ganz nebenbei verschaffte er dem theater Aachen mit dieser auch überregional hoch bewerteten Produktion viel Respekt - als Ort für kompetente Uraufführungen im Bereich des neuesten Musiktheaters. Das führt nun ehrenvollerweise dazu, dass Oehring, heute einer der angesehensten Komponisten seiner Generation, auch die Uraufführung seines nächsten Musiktheaterwerkes dem theater Aachen anvertraut hat.
Diesmal steht sein Bühnenneuling in direktem Zusammenhang mit einer anderen Aachener Opernpremiere, denn Alban Bergs "Wozzeck" ist stofflicher und musikalischer Dreh- und Angelpunkt für Oehring. Und wie schon in BLAUWALDDORF wird die biografische Heimat des Komponisten die ebenso faszinierende wie geheimnisvolle Welt der Gehörlosen eine neue Perspektive auf die alte Geschichte des Außenseiters Wozzeck ermöglichen. BLAUWALDDORF-Dirigent Jeremy Hulin ist wieder für die musikalische Leitung verantwortlich, Inszenierung und Raum erfindet ein weiterer überregional geschätzter Künstler mit Aachen-Erfahrung ("Die Blinden" 2000): Michael Simon.«
Musikalische Leitung:
Jeremy Hulin
Inszenierung, Raum, Kostüme, Licht: Michael Simon
|
|
Videoausschnitt
|
|
 |
|

j. Wilkendorf
als solist in Wozzeck
|
|
Theaterzeitung, April 2004 - Daniel Kötter
Helmut Oehrings Musiktheater nimmt sich gern der alten und bekannten Geschichten an: In Bonn schickte er im Jahre 2000 den Fall der Effi Briest nach Theodor Fontane und Rainer Werner Fassbinder in Revision (gemeinsam mit Iris ter Schiphorst) und im Sommer 2002 erinnerte er im theater aachen mit BlauWaldDorf an zwei Märchen von Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau und Die Schneekönigin. Reduziert auf die inneren Stationen des Dramas, auf die Zustände von Begehren und Sterben, entstanden dabei musiktheatrale Protokolle der stets scheiternden Suche nach Verständigung. Ähnliches wird man auch von Wozzeck kehrt zurück erwarten dürfen: denn auch die Geschichte des durch Eifersucht zum Mord getriebenen Woyzeck, 1836 von Georg Büchner in dramatische Fragmente gefasst, gehört zu diesen paradigmatischen Geschichten, deren ungelöste Rätsel zu immer neuen Belichtungen durch Musik und Theater geradezu herausfordern.
So wundert es nicht, wenn Oehring die Idee der Belichtung wörtlich nimmt und sein Musiktheater als „tonschriftliche Momentaufnahme in drei Abzügen (12 Kontakten)“ ankündigt. Anstelle des panoptischen Blick des Richters, der die Geschichte lückenlos zu rekonstruieren versucht, steht der dokumentarische Blick des Fotografen, der wie im Vorübergehen einzelne Augenblicke des Geschehens festhält, neutral und detailgenau. In dieser Ansammlung heterogener Fotokarten finden sich auch altbekannte Bilder und Klänge:
Ausgangs- und Reibepunkt der Komposition ist mit Alban Bergs Oper Wozzeck von 1925 ein zentrales Werk der Musiktheatergeschichte, das durch Oehring gewissermaßen fort-, aus- und umgeschrieben wird: als Hommage und Neuauflage zugleich. Hatten in früheren Kompositionen Oehrings noch Mozarts Requiem, Schönbergs Pierrot lunaire oder Schuberts Lied Der Wanderer Pate gestanden, so findet sich diesmal neben Alban Berg auch Musik von Don Carlo Gesualdo da Venosa (1560-1613), dem wohl berühmtesten Frauenmörder unter den Komponisten, schließlich hatte dieser 1590 seine Gattin und dessen Liebhaber ermorden lassen. Nach den bruchstückhaften Erinnerungen an Monteverdis Klage der Ariadne in BlauWaldDorf sind es diesmal also Fragmente aus Madrigalen Gesualdos, dem Zeitgenossen Monteverdis, die im Verlauf des Abends immer wieder von den beiden Chören intoniert werden.
So spielen in Wozzeck kehrt zurück eine ganze Reihe von Biographien ineinander: neben denen von Georg Büchner, Alban Berg und Carlo Gesualdo vor allem die des historischen und des literarischen Woyzeck, aber auch die ihrer Geistesbrüder: des Sturm und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz und des physisch und psychisch zerrütteten Lenz aus Büchners gleichnamiger Novelle. Auch dieser wurde schließlich, und sei es nur in seinen Wahnvorstellungen, zum Mörder an einem jungen Mädchen. Wozzeck kehrt zurück ist die Schnittmenge all jener Biographien, geprägt durch Mord und Selbstmord, Sehn- und Eifersucht, ist die Quersumme all jener Fälle also, die geradezu obsessiv immer wieder auf die Musik- und Theaterbühnen zurückkehren wie der Mörder zum Tatort, um von dort aus verschlüsselte Botschaften auszusenden, geheime Mutmaßungen darüber anzustellen, wie es zu all dem hat kommen können. Und nur weil die Suche nach der rechten Erklärung, dem Hintergrund, dem Motiv für den Exzeß der Gewalt immer wieder scheitert, nur weil die Suche nach dem rechten Wort, dem angemessenen Bild und Klang für das Verbrechen immer wieder von vorne beginnen muß, kehrt auch diese musiktheatrale Wanderung letztlich zu ihrem Ausgangspunkt zurück, an jenen See, wo noch der Körper des toten Mädchens im Mondlicht schimmert: „Hörst du meine Tritte nicht, die sich wieder rückwärts zu dir wenden?“
|
 |
|
[Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig]
Der Hessische Landbote
Erste Botschaft
Darmstadt, im Juli 1834.
Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden, aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt, ja sogar der, welcher die Wahrheit liest, wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft. Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt, folgendes zu beobachten:
Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres Hauses vor der Polizei verwahren;
sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
denen, welchen sie nicht trauen, wie sich selbst, dürfen sie es nur heimlich hinlegen;
würde das Blatt dennoch bei Einem gefunden, der es gelesen hat,
so muß er gestehen, daß er es eben dem Kreisrat habe bringen wollen;
wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm findet, der ist natürlich ohne Schuld.
Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
weiter ... (Text öffnen | download Text 
|
|
 |
Zeichnungen zum Werk von Hagen Klennert


|
|
|
|
| Last update: 12 July 2006 |
 |
|
|
|
|