Neues Deutschland
02.03.2010 / Feuilleton / Seite 15

Heine heute

Oehring beim Kurt-Weill-Fest Dessau

Von Stefan Amzoll

Welch ein Novum: Die seit 1993 bestehenden Weill-Festspiele erteilen Aufträge. Viel früher hätte das passieren müssen. Zumal bei einem Namensgeber, dem die künstlerische Innovation geradezu eingeboren schien. Kurt Weill setzte sich vornehmlich in den Jahren der Weimarer Republik für Produktionen der neuen Musik ein und begleitete sie auch als Musikkritiker. Er selber erhielt und realisierte diverse Aufträge und gehörte seinerzeit zu den Protagonisten der Bewegung.

Michael Kaufmann, neuer Intendant des Weill-Fests, vergab Aufträge an die Komponisten Helmut Oehring und Moritz Eggert. Für die Eröffnung im Anhaltinischen Theater Dessau konnte außerdem das renommierte Ensemble Modern gewonnen werden. Mit sechs Choristen realisierte es Oehrings »Die Wunde Heine« in Verbindung mit Brecht/Weills »Songspiel Mahagonny«.

Oehring schuf mit der Dramaturgin und Regisseurin Stefanie Wördemann einen Gesamtabend. Szenisches, gedankliche Beziehungen, Spannungsbögen, wechselseitige Beleuchtungen setzten sich um, obwohl beide Werke getrennt liefen. Bildmaterial wurde fast durchgängig eingestreut, gelegentlich Geräusche/Klänge zugespielt. Der Abend hatte es in sich.

Weills »Mahagonny-Songspiel« kam als eine ins Dunkel getauchte kleine Inszenierung. Weit entfernt vom Aufwand der Oper, adressiert sie gezielt Posen und Haltungen. Sechs Sänger, zwei Damen, vier Herren, übersetzen gestisch, mimisch, was die Brecht-Verse erzählen: wie die Stadt Mahagonny entsteht und fällt. Und wodurch sie fällt. Weswegen sie so viel Geld und Dreck aufhäuft und so viel Elend schafft. Die Projektionen von Hagen Klennert geben der Szenerie zusätzliches Gewicht: Zeichnungen, Radierungen aus der Schattenwelt, Abbilder der Langeweile, des Abstiegs, der Hoffnungslosigkeit.

»Andere Zeiten, andere Vögel. Andere Vögel, andere Lieder.« Dieser projizierte Heine-Text trennt die zwei Werke und verbindet sie. Oehring knüpft an Mahagonny in eigener Sprache an. Auch »Die Wunde Heine« entrollt Lieder, Chöre, Ensembles, Losungen, schneidende Orchesterpartien. Periodisch tritt ein Rocker auf den Plan, reflektiert, zitiert, singt, schreit, opponiert zur E-Gitarre. Bezauberndes, Schlichtes ist Heines »Buch der Lieder« nachempfunden. Aber die Poesie entlädt sich, explodiert bisweilen. Das Werk reißt buchstäblich Wunden auf, nicht nur die Heinrich Heines, dessen schlimme Geschichte über Verse des Dichters des »Wintermärchens« erzählt wird.

Geschichte selbst kommt zum Sprechen. Zustände des Verreckens, Tötens, Vegetierens derer, welche die Gesellschaft aus ihrer Heiligkeit ausschließt. In Klänge, Töne gesetzt, Heine schreibend, in seiner Matratzengruft. Verse wie »Denk ich an Deutschland in der Nacht« ragen, besetzt mit neuem Sinn, in unsere Gegenwart hinein. Der Abend gibt ein Sittenbild. Eins, worin die Widersprüche bersten. »Die Wunde Heine« lässt aus sich heraus, was die Menschen heute tangiert oder tangieren müsste.

Oehring komponiert seit längerem Antwortmusiken auf vorhandene Stücke, die sich, wie er sagt, »in den Konzertbetrieb oder in die Herzen eingegraben haben«. Im Falle Heines verhalte er sich zum Thema Exil, deutsche Sprache und zum Thema, was macht Kunst, welche Verpflichtungen haben Künstler, welche Haltung. Vorrangig ist für ihn die »Verschmelzung von Poesie und Politik«. Was Weill etwa mit dem Jazz versucht hat, versuche er mit Rockmusik.

Ein großes Problem war die Vertonung der Heine-Gedichte. In welcher Besetzung und Diktion, wie begleitet. Das Chorsextett, das Oehring reich bedenkt, hat teils theatralische Funktion. Es übt sich in Gebärden, spricht am Boden liegend. In Reih und Glied aufgestellt, fungiert es als kommentierendes Organ. Der sophokleische Tragödienchor steht hier Modell. Wenn nötig befeuert mit aller Härte ein segmentierter, skandierter Sprechgesang die Szenerie. Oehring zitiert Songs aus der Hausbesetzerszene der 80er Jahre und streut sie so in die »Wunde Heine«, dass es schmerzt. Alte Hüte? Rio Reisers »Macht kaputt was euch kaputt macht« ist brennend aktuell. Auch hat der Komponist keine Scheu, einfach nur ein Lied zu komponieren. Eins, das man versteht.

Der Abend stellte klar: »Die Wunde Heine« ist nicht bloß eine Liedersammlung. Sie ist ein Requiem, eine Tragödie, die alle angeht. Blumen und viel Beifall in Dessau, einer ramponierten, langsam verlöschenden Stadt.