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Uraufführung will zur Eröffnung des 18. Kurt-Weill-Festes in Dessau-Roßlau eine Brücke schlagen
Heine trifft Brecht und Weill: Rockinseln mit Klangantworten
Von Helmut Rohm

Was haben Heines Verse " Denk ich an Deutschland in der Nacht " und
Kurt Weills Alabama-Song gemeinsam ? Auf den ersten Blick eigentlich
nichts. Dennoch gehören beide Textzeilen zu " Offene Wunden ", einem
Abend mit zwei Songspielen und Film, der zur Eröffnung des 18.
Kurt-Weill-Festes am Freitagabend im Anhaltischen Theater Dessau seine
Uraufführung hatte.
Dessau-Roßlau.
Vor etwa vier Jahren erhielt Helmut Oehring vom Kurt-Weill-Fest einen
Kompositionsauftrag. Grundlage und Orientierung sollte das von David
Drew neu editierte " Mahagonny Songspiel " von Kurt Weill / Bertolt
Brecht sein, das 1927 in Baden-Baden seine Uraufführung erlebte.
Helmut
Oehring gestaltete einen " Doppelabend ", an dem sich der Aufführung
des " Mahagonny Songspiels " nahtlos die Neukomposition " Die WUNDE
Heine " anschloss. Das Ensemble Modern, ein weltweit führendes Ensemble
für Neue Musik, unter Leitung von Frank Ollu, präsentierte mit
faszinierendem Weill-Klang auf der schwarzen, mit wenigen
Versatzstücken und einer großflächigen Projektionsfläche ausgestatteten
Bühne das " Mahagonny Songspiel ". Die Gesangspartien gestalteten mit
Salome Kammer und Sylvia Nopper sowie den Mitgliedern des Quartetts
Atrium Ensembles, Oliver Uden, Philipp Neumann, Martin Schubach, Frank
Schwemmer, meisterlich agierende Weill-erfahrende Interpreten.
Durchweg
wurde die instrumental-gesangliche Aufführung visuell von einem
Videoscreen begleitet. Das Regieteam Stefanie Wördermann und Helmut
Oehring, das auch die Ausstattung übernahm, griff damit die Idee von
Caspar Neher bei der Baden-Badener Uraufführung des " Mahagonny
Songspiels " auf. Einer formalen Klammer gleich, zur Verdeutlichung der
inhaltlichen und dramaturgischen Zusammenhänge, hatte der Weill-Freund
spezielle Filmsequenzen produziert, die eingespielt wurden.
Für
die Dessauer Uraufführung schuf der Grafiker und Filmemacher Hagen
Klennert einen zweiteiligen Film mit Realszenen, Videoanimationen,
Grafiken sowie Standbild- und Textprojektionen. Auch strukturell glich
Helmut Oehring den zweiten " Heine-Teil " dem " Mahagonny Songspiel "
an. Die Premierengäste erlebten gewissermaßen in der Auseinandersetzung
Oehrings mit dem Inhalt des Songspiels eine Fortsetzung und Rücksicht
auf die Voraussichten im Weill-Brecht-Werk, auch eine moderne
instrumentale und gesangliche " Klangantwort " darauf.
Nach
dem " Mahagonny Songspiel " und der Heine-Textprojektion " Andre
Zeiten, andre Vögel ! Andre Vögel, andre Lieder !" folgten sechs "
Heinrich-Heine-Gesänge ". Das von Stefanie Wördemann geschriebene
Textbuch basiert auf Heines Gedichtausschnitten und ergänzenden
Oehring-Texten. Auffällig ist die dabei der ungemein dominante aktuelle
Bezug der Texte.
Aus
den " Mahagonny-Personen " wurden 1 : 1 M ( athilde ) sowie die mit den
Initialen H, E, I, N, und E bezeichneten " Geister von Heine ". Helmut
Oehring schuf mit Harry ( zweiter Vorname Heines ) einen zusätzlichen
Protagonisten.
Oehrings reizvolle Komposition, von den
Akteuren ebenso engagiert auf die Bühne gebracht, fordert vom Publikum
die Bereitschaft zu " neuem Hören ". In das Gesamtgefüge ordnet der
Komponist " Songfenster " ein. In Anlehnung an die instrumentalen
Zwischenspiele das " Mahagonny Songspiels " verzahnt Helmut Oehring die
Texte mit, wie er sie nennt, " Rockinseln ". Jörg Wilkendorf als Harry
ist auch Solo-E-Gitarrist und Sänger. Zu hören waren unter anderem,
kongenial zu den Heine-Texten, Titel von Rio Reiser, Norbert Krause und
Ton Steine Scherben.
Wenig
optimistisch, so wie bei Mahagonny, lässt es Oehring mit Heine enden :
" Die alten bösen Lieder, die Träume schlimm und arg, die lasst uns
jetzt begraben, holt einen großen Sarg. "
Mit zustimmendem Beifall, teils mit Jubel, teils auch etwas verhalten, honorierte das Premierenpublikum den Abend.
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Dokument erstellt am 01.03.2010 um 05:53:13 Uhr
Erscheinungsdatum 01.03.2010 | Ausgabe: mdx
