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07.05.2006 Theater Basel (UA)

UNSICHTBAR LAND (2004/05)
(oder Der Sturm)

an Opera with music by Helmut Oehring and Henry Purcell

Libretto: Helmut Oehring based
on "The Storm" by
William Shakespeare
and texts by Torsten Ottersberg,

for 3 deaf mute soloists, speaker, soprano (female), mezzo soprano,
sprano (male),tenor, bariton
soloists: elec git, tpt, bcl
baroque ensemble
choir: 40 choir soloists
large orchestra

FP: 7. Mai 2006, Theater Basel
>> Video

directed by Claus Guth
cond: J. Henneberger & G. Paronuzzi
Surround Sound Conception & Production: GOGH-surround music prod.
duration: ca. 110 min
go to ... Besetzung/Vorspann Partitur UnsichtbarLand
go to ... Besetzung/Vorspann Partitur UnsichtbarLand
go to ... Pressemitteilung

Info UA, 7.5.2006
Theater Basel
Bilder (Übersicht)


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe


© Sebastian Hoppe

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Artikel in DER NEUE MERKER 7/2006

Artikel anzeigen (PDF)

–> Sendung 4289b DLR/"Kultur heute" v. 8.5.2006:

Expeditionsmusik
Helmut Oehrings „Unsichtbar Land“ in Basel uraufgeführt

Helmut Oehrings „Unsichtbar Land“: das ist komplexes Musiktheater. Das Werk macht Extremsituationen auf Inseln in verschiedene Weise mit höchst heterogenen Mitteln sichtbar – und vor allem tastet es sich mit musikalischen Mitteln in Regionen jenseits der medienüblichen Sprache und Erklärungsmodelle vor. Nach der Tanz- und Video-Oper Das d'Amato-System (1996), der Musik zu Thomas Schadts Film Berlin – Sinfonie einer Großstadt (2001/2002), den für das Stadttheater Aachen geschriebenen Arbeiten BlauWaldDorf (2004) und Wozzeck kehrt zurück (2004) schrieb Oehring (*1961), Sohn taubstummer Eltern, jetzt einen erweiterten musikalischen Kommentar und eine dramatische Fortspinnung zu Shakespeares Sturm.

* * *

Vor drei Wochen wurde in Nürnberg die Oper Prospero von Friedrich Christian Delius und Luca Lombardi uraufgeführt – eine mit anachronistischen Mitteln hantierende Literatur-Oper, der an Entschärfung und Begütigung des historischen Sujets gelegen war. Und nun, ausgehend vom selben Shakespeare-Stück, der Kontrast, der deutlicher nicht hätte ausfallen können. Auch Helmut Oehrings neue Arbeit für das Musiktheater beordert den auf eine einsame Insel vertriebenen Mailänder Herzog Prospero und seine Tochter Miranda herbei. Der um seine Freiheit gebrachte Insulaner Caliban und der vom Propheten Jesaja auf den Weg durch die Zeiten gebrachte Windgeist Ariel nehmen gleichfalls Schlüsselpositionen ein in dieser neuen Sturm-Musik, die in vielfältiger Weise anknüpft an die Ende des 17. Jahrhunderts entstandene und ausführlich vorgeladene von Henry Purcell.

O-Ton 1: Take 2, Anfang

Helmut Oehrings komplexes Werk erscheint durchstrukturiert in sieben Tages-Abschnitten von jeweils rund 20 Minuten Dauer. Dem Montag kommt die Funktion des Prologs, dem Sonntag die des Epilogs zu; der Donnerstag richtet sich gegen „die Lügenwelt des Kulturbetriebsdrecksacks“, der Freitag kümmert sich um Schuld, Reue und Mitleid. Im Gewebe der Texte und Noten-Schichten sind Prospero & Co. nicht einfach dingfest zu machen: ihre Partien changieren mit denen aus einer ganz anderen Geschichte. Die 1914 zur Antarktis-Überquerung aufgebrochene Forschungsfahrt von Sir Ernest Shackleton und deren katastrophales Scheitern wird durch Positionsbestimmungen und Tagebuchaufzeichnungen des Expeditionsleiters in Erinnerung gerufen.

O-Ton 2: Take 1, Anfang

Die Wind- und Wettermusik des großen Symphonie-Orchesters bedient sich live-elektronischer Beimengungen, läßt Cellisten und Kontrabassisten für härteres Pizzicato zu Telefonkarten greifen und fordert vom E-Gitarristen „extremen Stuff-Dreck-Sound“. Zwar gibt es im eigentlichen Sinn kaum „Handlung“, die Solisten freilich von dramatischen Ereignissen singen und sagen. Dabei trägt sie zusätzlich ein Leuchtschriftband mit lyrischer Sprache, die durch Mohnaugenbrombeeren gewürzt ist und inselduftend fortwebt.

Die Partitur fordert die Koexistenz des „klassischen“ Orchesters mit seiner höheren Stimmung und des Barock-Ensembles im Theater, das ca. einen halben Ton tiefer intoniert. Die Sänger müssen sich, je nach Lage der Dinge, in beide Klangsphären einfügen, die zunächst als schroffer und eisiger Kontrast erscheinen, sich dann aber auch überlagern, inspirieren, verschlingen und verbinden. Der tastende Klang zielt auf ein Theater der Ohren und stellt eine Positionsbestimmung des neuen Musiktheaters dar: 69° südl. Länge, 51°10’ westl. Breite.

Auf der von Christian Schmidt entworfenen Bühne tut sich, inspiriert von „Prospero’s Books“, eine Bibliothekswelt auf: ein klassizistischer Rundbau beherbergt in mehreren Etagen wertvolles Schrifttum, die Choristen und Solisten. Für die Polar-Expeditionsszenen öffnet sich der Riesen-Zylinder und gibt den Blick auf einen Rundhorizont frei, in dem die „Endurance“ ins Packeis gerät und pinguingroße Forscher aufs Glatteis gehen. Bei jedem neuen Erscheinen des Eisinsel-Bildes ist der Zerstörungsgrad des Dreimasters fortgeschritten, die Lage der Besatzung desolater. Aus den Eisschollen heben sich drei weißgewandete Gestalten: es sind die in Oehrings Werken allenthalben zum Einsatz gelangende Gebärden-Solisten, deren akustische Bemühung den Arielgeist ebenso plausibel machen wie die Seelenzustände vor dem Tod durch Erfrieren.

Die Basler Musiker um die beiden Dirigenten, den „Barock“-Spezialisten Giorgio Paronuzzi und den für’s Ganze zuständigen Jürg Henneberger leisten bemerkenswertes. Indem Oehring seiner neuen Partitur eine massive Traditionsschiene einbaute, diese aber immer wieder verläßt und mit radikal modernen musikalischen Mitteln bricht, entfaltet sich eine komplexe „Expeditionsmusik“ mit hohen theatralen Qualitäten.

–> Send4289c SWR/"Journal am Mittag" v. 8.5.2006:

Herzog Prospero und Sir Ernest

Zur Uraufführung von Helmut Oehrings „Unsichtbar Land“ in Basel

Nach der Tanz- und Video-Oper Das d'Amato-System (1996), der Musik zu Thomas Schadts Film Berlin – Sinfonie einer Großstadt (2001/2002), den für das Stadttheater Aachen geschriebenen Arbeiten BlauWaldDorf (2004) und Wozzeck kehrt zurück (2004) schrieb Helmut Oehring (*1961), Sohn taubstummer Eltern, jetzt einen erweiterten musikalischen Kommentar und eine dramatische Fortspinnung zu Shakespeares Sturm. Uraufführung war gestern abends am Theater Basel – die bemerkenswerte Premiere taucht die nicht in Allem glückliche Amtszeit des Direktors Michael Schindhelm in freundliches Abendrot.


* * *


Es gibt künstlerische Arbeiten, die wollen und können nicht in drei Sätzen beschrieben oder gar erklärt werden. Helmut Oehrings komplexes Musiktheater „Unsichtbar Land“ gehört dazu. Das Werk macht Extremsituationen auf Inseln in verschiedene Weise mit höchst heterogenen Mitteln sichtbar – und vor allem tastet es sich mit musikalischen Mitteln in Regionen jenseits der medienüblichen Sprache und Erklärungsmodelle vor.

Oehrings Text und Partitur beordert aufs Neue den auf eine einsame Insel vertriebenen Mailänder Herzog Prospero und dessen Tochter Miranda herbei. Der um seine Freiheit gebrachte Insulaner Caliban und der vom Propheten Jesaja an durch die Zeiten brausende Windgeist Ariel nehmen gleichfalls Schlüsselpositionen ein in dieser neuen Sturm-Musik. Diese bedient sich ausgiebig bei der Ende des 17. Jahrhunderts entstandenen Theaterkompositionen von Henry Purcell, gemeindet diese ein und schreibt sie fort.


O-Ton 1: Take 2, Anfang


Helmut Oehring sorgt für komplexe Musik für ein Theater aus unterschiedlichen musikalischen Geister-Ebenen. Die Partien von Prospero & Co. changieren mit denen des Berichts von einer Antarktis-Expedition, zu der Sir Ernest Shackleton 1914 zwei Dutzend Männer und einen blinden Passagier mitnahm. Das katastrophale Scheitern wird durch Tagebuchaufzeichnungen des Forschers in Erinnerung gerufen – und wieder ist heftige, eiskalte und jähe Wettermusik gefordert, die sich im Wechselspiel zwischen dem von Giorgio Paronuzzi geleiteten Barockensemble der Basler Schola Cantorum und dem um E-Gitarre erweiterten Sinfonieorchester unter Jürg Henneberg entfaltet.


O-Ton 2: Take 1, Anfang

Angereichert wurden die beiden Handlungsstränge, die freilich nur kursorisch erzählt werden, von einem lyrisch genährten Text, den der Komponist mit Torsten Ottersberg entwickelte. Er läuft als Leuchtschriftband permanent über den Bühnenrand: „Mit den Mündern wandern/ durch Wimpern singen“ – „Heizend im Gestern“.

Das tut, sosehr die Musik immer wieder Morgenrot eines neuen Tags aufleuchten läßt, auch die Inszenierung von Claus Guth in der nostalgischen Ausstattung von Christian Schmidt: ein klassizistischer Rundbau beherbergt in mehreren Etagen eine Bibliothek, die Choristen und Solisten. Für die Polar-Expeditionsszenen öffnet sich der Riesen-Zylinder und gibt den Blick auf einen Rundhorizont frei, in dem die „Endurance“ ins Packeis gerät und pinguingroße Forscher aufs Glatteis gehen. Bei jedem neuen Erscheinen des Eisinsel-Bildes ist der Zerstörungsgrad des Dreimasters fortgeschritten, die Lage der Besatzung desolater. Aus den Eisschollen heben sich drei weißgewandete Gestalten: es sind die in Oehrings Werken allenthalben zum Einsatz gelangende Gebärden-Solisten, deren akustische Bemühung den Arielgeist ebenso plausibel machen wie die Seelenzustände vor dem Tod durch Erfrieren.

„Unsichtbar Land“ ist ein Experiment auf der Grundlage von Expeditionsmusik, die sich weit hinaustastet. Es kann diesem Werk gehen wie dem dauerhaften Prospero oder wie dem mit allen hochfahrenden Hoffnungen tragisch gescheiterten Sir Ernest.

Frieder Reininghaus

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Last update: 24 October 2009 go to top