HELMUT OEHRING
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D E R T A G , A N D E M A L E C T O
die Toten „befreit von ihren ewigen Fesseln.“ Im Prolog: WendeSONNE der Oper AscheMOND beschwört der Countertenor mit Purcells Music for a while die tröstende Kraft der Musik: Allem Leiden und dem allgegenwärtigen Tod zum Trotz, hält sie in den Menschen den Widerstand wach: nicht aufzugeben, bis Alecto „die Schlangen vom Kopf fallen und die Peitsche aus ihrer Hand “. Musik ent- und erhält die Utopie einer Möglichkeit, dass der ewige menschliche Kreislauf von Leben und Sterben, Lieben und Verlieren, Schuld und Rache durchbrochen werden könnte.
„Alle Leben enden. Alle Herzen brechen. Immer.“ ?
Alecto, eine der drei Erinyen der klassischen Antike, entstammt archaischen Mythen: Als griechische Rachegöttin, als rasende römische Furie, vereint sie die in alten matriarchalischen Kulturen eng verknüpften Bereiche Fruchtbarkeit und Totenkult. Alecto: weibliche Hüterin über Sexualität und Liebe, Geburt und Leben, Sterben und Tod.
Alecto als UrFee, Begleiterin der Frauen.
WutFee, Rächerin weiblicher Leiden.
UrSchwester von Shakespeares Elfenkönigin Titania und Purcells Fairy Queen.
Am Anfang von Überlagerung (Sommer) stellt der Chor in Helmut Oehrings Vertonung des Heine-Gedichtes Sonnenuntergang Alecto, Titania und der Fairy Queen eine weitere Schwester zur Seite: MOND, die UrFrau archaischer Mythen, die nach Trennung vom SONNEMann ihre einsamen Bahnen zieht in Richtung Ewigkeit. Fairy Queen/MOND wandert durch die Jahreszeiten von AscheMOND als aus eigener Erfahrung mitleidende Gefährtin der Protagonistinnen. Emphatisch überwacht und überdauert sie individuelles FrauenLeben und bleibt - gefangen im ewigen Kreislaufs - Zeugin weiblicher Leiden vergangener, gegenwärtiger und kommender Generationen. Sie verweigert das Vergessen, übt Rache - auch, indem sie von Menschheits- zu Menschheitsgeschlecht den Frauen angesichts der Gefährdung, der Fragilität, ein wenig mehr übergibt von ihrer lautlosen Sprache der Wut, ihrer stillen Artikulation von Ohnmacht und Trauer.
Alectos ZornGebrüll und die lautlosen MONDSchreie - Zeichen verwandter Sprachen.
"InSchriften auf MONDhaut. StummASCHE." Helmut Oehring
Alecto, die „Unersättliche“ in ihrem Streben nach Vergeltung menschlicher Schuld im Moment des Todes, markiert durch ihren Rückzug wie die Feenkönigin und MOND den utopischen Wendepunkt: den Moment, an dem der Zyklus menschlicher Gewalt und menschlichen Leides unterbrochen wird. „Und ist der Tod erst tot, dann gibt es kein Sterben mehr“, singt der Frauenchor im Epilog, nachdem der Countertenor ein zweites Mal „Music for a while“ beschworen hat. Fairy Queen/MOND hat im Opernverlauf das Leiden und Sterben einer Frau vor unseren Ohren und Augen begleitet und blickt, nach Auslöschung (Winter), nun hinunter in die Abgründe eines Lebens, eines Todes. Dennoch: in Musik lebt Entwicklung, Veränderung - Möglichkeit. In Musik lebt die Utopie, dass es eine Möglichkeit geben könnte nach all den Unzulänglichkeiten des Lebens. Musik ist Begleiterin in der Zeit der Zumutungen, aber auch in der Zeit der Möglichkeiten. Denn der Erzähler entlässt die ewige Wächterin der Menschen, auch sie darf nun endlich ruhen: „Mond, ergreif die Flucht. Nun stirb, stirb, stirb, stirb, stirb...“
Stefanie Wördemann, Juni 2013
E S M U S S H I N U N D W I E D E R D I E S E N S C H R E I G E B E N
und dieser Schrei bewegt oder zerreißt den Vorhang, der uns möglicherweise von der Wahrheit trennt – von der "Unwirklichkeit der Realität und der Verheißung, dass der Felsen der Welt auf dem Flügel einer Elfe gegründet ist" (Scott Fitzgerald). Musik ist ein solcher Schrei. Die Sonette Shakespeares sind ein solcher Schrei. Sonnenfinsternis im Moment entstehender Stille und Stummheit.
AscheMOND ist eine Hymne auf die Vergänglichkeit. Düster und dringlich. Eine Oper im Verlauf einer Sommernacht und zugleich im unendlichen und doch Ende bringenden Fluss der Jahreszeiten - im Heineschen Sinne: Unser Sommer ist ein grün angestrichener Winter. AscheMOND singt von den Kräften, welche die Erde zum Drehen bringen und die Herzen bewegen. Erzählt Geschichten in Musik, malt Bilder von Grundkonflikten und Loyalitäten. Vom menschlichen Faktor, von den elementar wirksamen Grundfragen menschlichen Zusammenlebens. Wir stehen alle scheinbar mit beiden Füßen im Leben. In Wirklichkeit sind wir aber alle verzagt, nachdenklich, zärtlich, wir denken jeden Tag an den Tod, wir schreiben Tagebuch und Liebesbriefe, wir ziehen Kinder groß und wissen dennoch um unser Scheitern. Der emotionale Kern von AscheMOND steckt weniger in den dicht erzählten, aber abstrakt verstrickten Momentaufnahmen. Die eigentliche Essenz dieser Oper steckt vielmehr im philosophischen Überbau: Alle Menschen stehen mit allen anderen in existentieller Verbindung. Die geistig emotionalen Haltungen, die wir Menschen hervorbringen, überdauern die Zeit und den Tod.
Shakespeare sah in, über, neben, unter, zwischen jeder Komödie die Tragödie. Die allgemein menschliche wie die individuelle. Er sah in jeder Tragödie aber auch die Hoffnung, für alle Menschen, für jedes Individuum, für diejenigen, die den tragisch Hoffnungslosen, Gescheiterten folgen. Für die Kinder, die nachfolgenden Generationen. Die in einen neuen Morgen, einen neuen Frühling, eine neue Gesellschaft, ein neues Zeitalter geboren werden und aufbrechen in das eigene Leben. Shakespeares Sonette verstehen sich nur auf den ersten Blick als individuelles Sterben, als Beschreiben der Vergänglichkeit, des Ersterbens von Lebenshunger und Liebeslust. Viel tiefer sind sie positive Aufladung des Kontakts untereinander. Miteinander. Gemeinschaft über den Tod hinaus.
Diese Oper blickt auf den Schwebezustand zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, Lieben und Verlieren. Zwischen der hinreißenden Schönheit des Lebens und deren vielen unnötigen alltäglichen Entwertungen wie existenziellen Bedrohungen. Alles funkelt und verglüht doch gleich wieder, Traurigkeit hinterlassend - und doch glimmt am Ende, im Epilog mit dem abschließenden Shakespearschen Frauenchor ein neuer Funken auf: Utopie.
Wir nennen diese Oper AscheMOND eine systemische Musiktheaterarbeit: Nicht das Individuum in Person einer Hauptfigur steht hier im Vordergrund - die Fairy Queen, die stumme Gebärdensolistin zieht als trauerndes, mitfühlendes MONDwesen ihre Bahnen im Hintergrund. Sondern wesentlicher sind die Aussagen über Gruppen von Menschen an sich. Das Mitgefühl gilt nicht Einzelnen, sondern vielen, letztlich ALLEN Menschen. Natürlich bleiben somit Nuancen individueller Beziehungsdynamiken auf der Strecke: Die einzelnen Protagonisten sind zwar hochgradig sozial und emotional empfindend und vernetzt, aber es fehlen Zeit und Gelegenheiten, sich emphatisch in die einzelnen Figuren einzufühlen. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Miteinander. Und die behauptete Loyalität angesichts drohender Katastrophen, ausgelöst durch unsere eigene Gewalt oder die der Natur, und unweigerlich kommenden Sterbens. Im Zentrum steht die Empathie mit dem Menschsein, mit der Menschheit, unserer eigenen Spezies und mit unserem Planeten, der im Licht und Schatten seiner Himmelsgefährten existiert...
Helmut Oehring und Stefanie Wördemann, Juni 2013