HELMUT OEHRING
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C O L L A G E I N S T R U M E N T A L - V O C A L M I S E N S C È N E
Helmut Oehring begibt sich mit Angleus Novus II auf die Spuren Walter Benjamins: seines zwischen Poesie, Philosophie, Medienkritik und Geschichtstheorie schwebenden Schaffens, seiner zwischen Ästhetik und Politik, innerer Emigration und Exil, Leben und Tod pendelnden Existenz im ständigen Dialog mit Paul Klees Zeichnung des Angelus Novus. Der international renommierte Komponist Oehring tut dies mit einer ungewöhnlichen Offenheit: Als eigentliches work in progress nimmt seine Partitur in sogenannten Abschieds- oder Dunkelkammern ganz bewusst Beiträge von Studierenden der Hochschule der Künste Bern aus den Bereichen Komposition, Improvisation, Video, Bewegung und Gestaltung im Raum auf. Diese künstlerisch einzigartige und in der prägenden Begegnung mit Helmut Oehring schöpferisch gelebte Collage ist möglicherweise ein Ort, an dem sich die Trümmer des Paradieses kurzzeitig zu einer Art Brücke zu Babel zusammenfügen, einer Archipel-Skulptur.
Basierend auf dem sensibel zwischen philosophischen und autobiografischen Texten Benjamins schwebenden Libretto von Stefanie Wördemann entfaltet sich die Angleus Novus II Partitur in vokalen wie instrumentalen Soli, Duos, Kammermusikbesetzungen bis hin zum Tutti. Und lässt Studierende mit Dozierenden, Jazz mit neu komponierter Musik, Opernsänger*innen mit Théâtre musical, Medienkünstler*innen mit live electronics, Gebärdenpoesie mit Sprechchören in die fliessende Wahrnehmung von Zeit einstimmen.
Walter Benjamin hat das Bild von Paul Klee 1920 gekauft und wollte sein ambitioniertes kritisch-reflektierendes Zeitschriften-Projekt, das aber dann nicht realisiert werden konnte, nach ihm benennen. Vorerst entspann sich ein privater Dialog zwischen Benjamin und dem Bild, meist in Form von privaten Notizen auf Postkarten an seine Freunde. Erst später, als sein Leben immer mehr in Bewegung geriet und mit ihm auch der Dialog mit dem Bild, hat sich Benjamin in seinen Schriften, den privaten wie den zur Publikation gedachten, mit Klees Bild befasst. So ähnlich ist es mir ergangen. Ich trug das Bild mit mir herum: es erzählte mir etwas, es klang. Aber ich dachte lange Jahr überhaupt nicht daran, aus dem Bild Musik zu machen. Klee ist für mich schon lange sehr wichtig. Insbesondere seine kleinformatigen Arbeiten haben eine nachhaltige Wirkung auf mich. Die Bewegung in seinen Bildern. Die Gleichzeitigkeit von künstlerischer Größe und naiv-kindlicher Perspektive. Und ich war sehr berührt davon, in Bern gleich neben dem Museum sein Grab zu finden am Rande des Kinderfriedhofes. Helmut Oehring
D É J A - V U / E N T E N D U
Die Komposition Angelus Novus II basiert auf dem Phänomen des déjá-vu / entendu – im poetischen, geschichtsphilosophischen und synästhetischen Sinne Walter Benjamins:
Man hat das déjà vu oft beschrieben. Ist die Bezeichnung eigentlich glücklich? Sollte man nicht von Begebenheiten reden, welche uns betreffen wie ein Echo, von dem der Hall, der es erweckte, irgendwann im Dunkel des verflossenen Lebens ergangen scheint. Im übrigen entspricht dem, daß der Chock, mit dem ein Augenblick als schon gelebt uns ins Bewußtsein tritt, meist in Gestalt von einem Laut uns zustößt. Es ist ein Wort, ein Rauschen oder Pochen, dem die Gewalt verliehen ist, unvorbereitet uns in die kühle Gruft des Einst zu rufen, von deren Wölbung uns die Gegenwart nur als ein Echo scheint zurückzuhalten. Seltsam, daß man noch nicht dem Gegenbild dieser Entrückung nachgegangen ist — dem Chock, mit dem ein Wort uns stutzen macht wie ein vergessener Muff in unserm Zimmer. Wie uns dieser auf eine Fremde schließen läßt, die da war, so gibt es Worte oder Pausen, die uns auf jene unsichtbare Fremde schließen lassen: die Zukunft, welche sie bei uns vergaß.
Walter Benjamin: Eine Todesnachricht (aus: Berliner Kindheit)
Das Libretto verarbeitet Schlüsseltexte aus Benjamins geschichtsphilosophischen Essays über die Verschränkung von Vergangenheit/Gegenwart/ Zukunft, insbesondere seine Geschichtsthese IX über den "Engel der Geschichte": dessen bildnerisches Vorbild ist die Angelus Novus Bilder-Serie von Paul Klee mit dem variierenden Engelsmotiv. Klees Bilder wie Benjamins Geschichtsthesen, die 1940 posthum veröffentlicht wurden, reflektieren "prophetisch" die philosophischen Fragen, die für sie selbst wie für zahllose Intellektuelle und Künstler in den 1930er-Jahren existentiell wurden in der Konfrontation mit Faschismus, NS-Diktatur, Exil, Zweitem Weltkrieg und Shoah und die dann das Nachdenken der nachfolgenden Generationen über eine "Dialektik der Aufklärung" (Adorno/ Horkheimer) prägten.
Benjamin hatte Anfang der 1920er-Jahre eine Zeichnung aus Klees Engels-Serie gekauft und übergab sie zu Beginn seiner Flucht aus Nazi-Deutschland seinem Freund und Biografen Gershom Scholem. Dieser rettet das Bild ins eigene Exil bis nach Israel, wo es zuletzt in seiner Wohnung in Jerusalem hing - seit Scholems Tod gilt es als verschollen.
Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
Walter Benjamin These IX / Über den Begriff der Geschichte 1940
Die Collage instrumental-vocal mis-en-scène konzentriert sich vor allem auf die philosophische, geschichtliche und politische Dimension des Angelus Novus Themas. Aber auch die religiöse Auseinandersetzung wird provoziert in der Möglichkeit eines dokumentarischen, poetischen, künstlerischen Austauschs der Mitwirkenden verschiedener Glaubensrichtungen / Kulturen / Sprachen / Nationalitäten. Das Libretto verarbeitet neben den Angelus Novus Texten Benjamins auch Gedichte (Sonette) und Schlüsselmomente seiner Biografie (autobiografische Schriften und Briefe), die im Selbstmord während der Flucht aus Nazi-Deutschland ihre Endgültigkeit fanden: dem frei gewählten und gesetzten Moment des eigenen Todes, der – angedeutet im mündlich überlieferten Abschiedsbrief an den Weggefährten und geistigen Erben Theodor W. Adorno – selbst wie ein déjá-vu erscheint. Hinzu kommen autobiografische Texte Paul Klees, so dass ein fiktiver Dialog zwischen den beiden Künstlern Klee und Benjamin entsteht als Ausgangsbasis des Dialoges zwischen allen Mitwirkenden und ihren aktuellen künstlerischen und dokumentatorisch-autobiografischen Interpretationen des Angelus Novus Themas im Hier und Jetzt des work in progress.