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W E R K t e x t G O Y A II

E I N  M O M E N T,  U N Z Ä H L I G E  M O M E N T E

 

Dieser Krieg des Künstlers Goya ist die menschliche Vernichtung des Menschen schlechthin. Diese Radierfolge der Desastres de la Guerra, die in den Jahren 1810 bis 1816 entsteht, in Eile und Bedacht, in Direktheit und in Distanz, sie ist Goyas persönlichstes Eingreifen in den ungeheuerlichen Kampf, sie ist Abbild und Sinnbild, sie ist Spiegelbild und Vexierbild, sie ist Identifikation von Natur und Mensch als Inkarnation der menschlichen Natur, sie ist Identifikation von Geschichte und Kunst als Inkarnation der Gesellschaft. Sie ist die Abfolge realer Ereignisse als Abfolge irrealer Geschehnisse, sie ist Wirklichkeit und Traum in einem. Nichts entgeht dem Künstler, nichts beschönigt er, nichts verschweigt er, alles entlarvt er. Es ist die Aussage im denkbar umfassendsten Sinn, nicht gebannt in nur das eine Bild, das dann statisch wird, zeitlos und klassisch; ganz im Gegenteil: das künstlerische Geschehen ist zeitlos in umgekehrtem Sinne – es läuft immerfort weiter, es hält nicht bloß einen Augenblick fest, sondern unzählige Momente in rasanter Reihe. Es ist Dantes Inferno, nur nicht mehr abseits des Diesseits, sondern als das Diesseits selber; es ist nicht göttliche Strafe, sondern menschliches Tun. Es ist die Paraphrase des menschlichen Elends. Konrad Farner, 1972

 

Einen Moment aus dieser „rasanten Reihe unzähliger Momente“ Françisco de Goyas nimmt Helmut Oehring zum Ausgangspunkt einer eigenen Reihe „musikalischer Momentaufnahmen“. Goyas Radierungen Desastres de la Guerra bilden die Folie für fünf kinematoografische Kompositionen im Dialog mit Goyas Zeitgenossen Ludwig van Beethoven – Sinfonie, Oratorium, Ensemblemusik, Streichquartett und multimediales Requiem – unterschiedliche „Filme in Musik“, entwickelt aus Goyas Negativen: Szenen des Krieges, der „zivilen Opfer“. Goya stellte in seiner "bildnerischen Kriegsberichterstattung" die Frage nach dem Blick: dem Blick dessen, der die Schrecken hautnah erlebt; dem Blick dessen, der davon – künstlerisch oder wie auch immer – berichtet; und dem Blick dessen, der durch diesen Bericht erinnert wird an das, was geschah und geschieht. Oehring, Sohn gehörloser Eltern, sucht im GOYA-Zyklus nicht nur den Dialog mit dem spanischen Maler, sondern auch mit dessen "Bruder im Geiste" Beethoven: Goya wie Beethoven waren durch den Verlust ihres Gehörs zunehmend isoliert innerhalb der Gesellschaften, in deren kulturellen Zentren sie standen. Beide waren zerrissen im Zwiespalt: begeistert für die Ideen der Französischen Revolution – verkörpert und zugleich verraten in der Person Napoleon Bonapartes – und zugleich eng verbunden im Kampf gegen die Gräuel der Kämpfe und Kriege um eine »freie« Welt. Und beide zitierten politische Inhalte, malten und komponierten konkrete Momente: Goya nicht nur in den Desastres de la Guerra, Beethoven nicht nur in der Eroica...

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