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W E R K t e x t e A s c h e M O N D
W E R K t e x t A N G E L U S n o v u s I

E N G E L   D E R   G E S C H I C H T E

 

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmer-haufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Walter Benjamin These IX / Über den Begriff der Geschichte 1940​

Angelus Novus I ist eine Ensemble-Studie für elf Instrumentalsolisten auf das gleichnamige Bild von Paul Klee aus dem Jahr 1920, das Walter Benjamin zu seinen Geschichtsthesen um den "Engel der Geschichte" inspirierte. Klees Aquarellzeichnung bildet den Endpunkt einer langen Serie von Studien des Malers über das Engelsmotiv und weist dennoch auf Kommendes durch das serielle Prinzip und zugleich durch den philosophischen Bildinhalt und sein prophetisches Potenzial angesichts der historischen und biografischen Ereignisse in den 1930er/40er-Jahren – NS-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, Shoah sowie der Tod des "entarteten Künstlers" Klees im Schweizer Exil und der Selbstmord Benjamins auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Für Helmut Oehring, der oft in Zyklen komponiert, ist diese Ensemblestudie Beginn seines fünfteiligen Angelus Novus-Zyklus verschiedenster Gattungen auf Klees Bild und Texte Benjamins.

.Wer aber den Menschen und sein Werk gekannt hat, der wird beide nicht vergessen.

Hans Mayer, 18. Oktober 1940 im Nachruf auf Walter Benjamins Tod am 26. September 1940

...das aufs Unheimlichste im Freien stehende Ich.

Liebes Kindlein, ach, ich bitt,

Bet fürs bucklicht Männlein mit.

Ich denke mir, dass jenes -ganze Leben-, von dem man sich erzählt, dass es vorm Blick der Sterbenden vorbeizieht, aus solchen Bildern sich zusammensetzt, wie sie das Männlein von uns allen hat. Sie flitzen rasch vorbei wie jene Blätter der straff gebundenen Büchlein, die einmal Vorläufer unserer Kinematographen waren... Das Männlein hat diese Bilder auch von mir.

Walter Benjamin

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