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W E R K t e x t B E E T H O V E N ?

S P R E C H T   L A U T E R ,   S C H R E I T ,   D E N N   I C H   B I N  T A U B

 

Ludwig van Beethovens Hilfeschreie bleiben stummlaute Buchstaben im Heilgenstädter Testament wie in anderen Briefen an vertraute Gefährt*innen. Als 32Jähriger blickt er schreibend dem Tod ins Auge und kämpft sich dann komponierend ein weiteres Vierteljahrhundert zur Unsterblichkeit. Beethovens sukzessive Ertaubung im Zusammenhang mit seinem Selbstverständnis als Komponist und MitMensch steht im Zentrum des MusikFilmTanzDramas BEETHOVEN? Der erlösende Fehler. In seiner audiovisuellen Partitur aus Neukomposition und Hörspiel, Briefzitaten und Gebärdenpoesie, interagierender Choreografie von Tanz und Film verschlüsselt Helmut Oehring die Inschriften Beethovens und gibt diesem sein innerstes Geheimnis zurück: eines zum inneren Hören verdammten Genies, das sich selbst gewaltsam zu kreativer Äußerung zwingt und mit seiner Musik eine Brücke schlägt zur hörenden Welt, deren gesellschaftliche und künstlerische Zukunft ihm am verwundeten Herzen liegt. Beethoven, ein Brückenmensch – dazwischen.

 

Ebenfalls Brückenmensch, verkörpert die als Vierjährige durch einen Unfall ertaubte Tänzerin Kassandra Wedel Beethovens “unsterbliche Geliebte” sowie innere Stimme und körperliches Medium seiner Sprache und Musik im Prozess der Ertaubung, seines kreativen Schaffens in wachsender Isolation und Einsamkeit, Verzweiflung und Sehnsucht: Wo bin ich nicht verwundet, zerschnitten? (Ludwig van Beethoven)

Als Brückenmenschen versteht sich auch Helmut Oehring:  Durch meine Sozialisation in der Sprache und Kultur von gehörlosen Menschen bin ich aufgewachsen mit vor der Geburt oder nach dem Spracherwerb Ertaubter, aber auch mit Menschen, die aufgrund eines Schicksalsschlags plötzlich oder sukzessiv das Gehör verloren. Ich bin vertraut mit den kommunikativen, psychischen wie sozialen Strategien des Umgangs Gehörloser in einer hörenden Welt. Was das Ertauben Beethovens für ihn als Menschen und Komponisten bedeutete und zur Folge hatte, unabhängig von dem Erlernen oder Ersterben verschiedenster Kommunikations-Mechanismen und -taktiken, können wir Hörenden uns nicht vorstellen. Das ist eine Dimension von Stille, die wir Hörenden gar nicht ermessen können. Und aus dieser Stille schiebt Beethoven schiebt eine Art Foto seiner inneren Partitur unter den Türspalt durch aus seinem unerhörten Klangkosmos in unsere Welt voll von Lautheit und Geräuschen

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