HELMUT OEHRING
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I N F E R N O / M A P P A
iVon 1307 bis zu kurz vor seinem Tod 1321 n. Chr. schrieb Dante Alighieri im Exil La Divina Commedia in drei Teilen – Inferno, Purgatorio und Paradiso – und legte mit dieser heraus-ragenden epischen Verserzählung einen Grundstein der italienischen Schriftsprache und Dichtung. Ab 1480 zeichnete Sandro Botticelli in Mappa dell’ Inferno den Abgrund der Hölle, wie Dante sie beschrieben hatte. Insbesondere an dieser Zeichnung orientiert sich die zyklische kompositorisch-visuelle Arbeit [iɱˈfɛrno] (aus: MAPPA) Contrapasso I – V (an: Wladimir Putin / Sergej Lawrow) wie auch an dem von Dante im Inferno beschriebenen Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit: Contrapasso. Es besagt, dass alle im Leben begangenen Sünden in der Hölle „angemessen“ bestraft werden. In formaler Hinsicht die komplexen Zahlenverhältnisse, zahlensymbolischen Intentionen und mathe-matischen Berechnungen, die Dantes Inferno zu Grunde liegen, abstrahierend, setzt sich die Partitur aus fünf Teilen sowie neun Hauptschichten – Höllenkreisen – zusammen. Laut Dante ist der siebte Höllenkreis Straßenräubern, Gewalttätern, Tyrannen, Mördern vorbehalten…
In einem ähnlichen transformativen Prozess, wie etwa Gerhard Richter dokumentarische Fotografien (zum Beispiel aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, des Nürnberger Rathausplatzes am Reichsparteitag der NSDAP 1933 oder der Isolationszellen der RAF-Mitglieder in Stuttgart-Stammheim) als Vorlagen für seine bildnerischen Arbeiten verwendete, basiert der audiovisuelle Werkzyklus [iɱˈfɛrno] (aus: MAPPA) Contrapasso I – V (an: Wladimir Putin / Sergej Lawrow) auf den Reden des russischen Präsidenten und des russischen Außenministers, die sie Ende Februar 2022 mit Beginn ihres Angriffskrieges gegen die Ukraine hielten. Diese „vocal biomarkers“ wurden in Deklaration, Syntax, Grammatik und Inhalt mittels Sprachanalyse-Software wie Beyond Verbal, VoiceSense und Invoca aufgeschlüsselt, um die DNA und neuropsychologisch-emotionale Analyse des Kontextes ihrer sozioökonomischen Sprache zu transformieren und in der Folge dieses „emotion monitoring“ im Kompositionsprozess auseinander-zunehmen, zusammenzusetzen und zu übermalen. So wurden die „underlying emotions“ und decodiert-chiffrierten „vocal intonations“ hinter der Ideologie der beiden russischen Führungspolitiker als KlangBilder in eine infernale visuelle SprachLandschaft versetzt. Neben den instrumentalen Teilen der Komposition wurden zwei elektroakustische Sequenzen realisiert sowie zwei Abschnitte, in denen ausschließlich Gebärdenchoreografie, ausgeführt durch die vier Instrumentalist*innen, im Zentrum steht.
IAb 1960 bewies der amerikanische Linguist William Clarence Stokoe mit seinen Forschungen an der Gallaudet University in Washington D.C., dass Gebärdensprachen im Allgemeinen vollwertige Sprachen sind, und initiierte mit dieser Entdeckung den Beginn einer modernen Gebärdensprachforschung. Stokoe entwickelte das schriftliche Notationssystem für Gebärdensprache, das auf dem lateinischen Alphabet begründet ist. An die Tradition der Stokoe-basierten Systeme knüpfte 1985 das wissenschaftlich orientierte Hamburger Sign Language Notation System, kurz HamNoSys, ein phonetisches Transkriptionssystem für Gebärden, das aktuell weite Verbreitung findet. Bereits seit den 1970er Jahren entwickelte die klassische Tänzerin Valerie Sutton das allgemeine Bewegungsbeschreibungssystem Sutton Movement Writing für die verschiedensten visuellen Formen, in denen Bewegung eine zentrale Rolle spielt – ein FünfLinienSystem, ähnlich der uns bekannten musikalischen, kompositorischen Noten-Aufzeichnungen, auf denen in unterschiedlichen Abständen und Höhenverläufen simultane wie auch vereinzelte Hieroglyphen/Zeichen abgebildet sind. In Auseinandersetzung mit diesen Transkriptions- und Notationssysteme für Körpersprachen verwendet Helmut Oehring in den Contrapassi eine eigens weiterentwickelte SignMimoChoreografie.